DAK-Report: Mädchen leiden besonders unter Corona-Pandemie

Die Coronakrise hat in der Psyche vieler junger Menschen deutliche Spuren hinterlassen. Vor allem Mädchen kamen mit der Situation nicht gut zurecht. Eine Untersuchung liefert nun Details.
Ein junges Mädchen steht am Ende eines dunklen Flures. © Nicolas Armer/dpa/Archivbild

Depressionen, Ängste, Essstörungen - Mädchen reagieren laut Zahlen der Krankenkasse DAK-Gesundheit stärker als Jungen auf die Corona-Pandemie. «Die Ergebnisse unseres Kinder- und Jugendreports zeigen, dass jugendliche Mädchen im Südwesten besonders in der Pandemie leiden», sagte DAK-Landeschef Siegfried Euerle zur Vorstellung des DAK-Kinder- und Jugendreports 2022. Dieser mache auch deutlich, dass Mädchen und Jungen anders mit den Belastungen umgehen.

So sei die Zahl der 10- bis 14-jährigen Mädchen mit erstmals festgestellter Depression im Jahr 2021 um 86 Prozent im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit gestiegen. Bei den gleichaltrigen Jungen hingegen sank die Neuerkrankungsrate um ein Viertel. Auch bei den 15- bis 17-jährigen Mädchen gab es den Angaben zufolge mit einem Plus von 48 Prozent deutlich mehr Neuerkrankungen als bei gleichaltrigen Jungen; bei ihnen stieg die Zahl um 13 Prozent.

Der Anstieg hängt nach Auffassung des Ärztlichen Direktors der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Tobias Banaschewski, zumindest teilweise mit den während der Pandemie reduzierten persönlichen Kontakten zusammen. Dies und weitere pandemiebezogene Faktoren verstärkten Gefühle von sozialer Isolation und von Einsamkeit sowie Zukunftsängste. Mädchen seien grundsätzlich häufiger von depressiven Störungen betroffen.

Auch das zeigte der Report: Die Zahl der Neuerkrankungen mit Bulimie - Essattacken mit anschließendem Erbrechen - und mit Magersucht verdoppelte sich. Mehr als 11 von 1000 Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren bekamen 2021 erstmalig eine entsprechende Diagnose gestellt. 2019 betrug die Zahl neu betroffener Mädchen noch knapp 5 von 1000. Dies entspricht laut den Erkenntnissen der DAK auf alle versicherten jugendlichen Mädchen im Südwesten hochgerechnet einem Plus von 800 zusätzlich neuerkrankten Schülerinnen im Vergleich zu 2019.

Für Jochen Meyburg, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am RKH Klinikum Ludwigsburg, ist Magersucht Folge des Gefühls der Unsicherheit und der Unwägbarkeiten. «Die Mädchen leiden darunter, immer weniger kontrollieren zu können, und versuchen, wenigstens die Kontrolle über ihren eigenen Körper zu behalten», erläuterte der Experte.

Auch bei den neu an Angststörungen erkrankten jungen Menschen ergab sich aus den Daten ein Plus von je einem Viertel in den Altersgruppen der 10- bis 14-Jährigen und der 15- bis 17-Jährigen.

Auf das Gewicht der Kinder und Jugendlichen wirkte sich die Pandemie ebenfalls aus, die sportliche Aktivitäten ausbremste. Der stärkste Anstieg der Neuerkrankungen mit Fettleibigkeit - auch Adipositas genannt - war mit einem Viertel bei Kindern von fünf bis neun Jahren zu verzeichnen. Auch in den Altersgruppen der 10- bis 14-Jährigen und der 15- bis 17-Jährigen gab es in Plus von jeweils zwölf Prozent. Hochgerechnet auf alle Versicherten von 5 bis 17 Jahren mussten rund 25 000 Mädchen und Jungen 2021 wegen extremen Übergewichts erstmals ärztlich behandelt werden.

Und noch eine Folge der Pandemie: Im zweiten Corona-Jahr kamen weniger Kinder und Jugendliche in Arztpraxen und Krankenhäuser als vor der Pandemie - 2021 sank die Zahl um ein Prozent in Praxen und um 17 Prozent in Kliniken; große Rückgänge in der ambulanten und stationären Versorgung gab es bei Infektionskrankheiten (minus 28 Prozent) und Atemwegserkrankungen (minus 13 Prozent).

DAK-Landeschef Euerle resümierte: «Unser aktueller Report für Baden-Württemberg offenbart einen dringenden Handlungsbedarf in vielen Facetten der Kinder- und Jugendgesundheit im Südwesten.» Er forderte eine ressortübergreifende Strategie für eine Gesundheitsförderung ab Kindesalter, um Langzeitfolgen zu vermeiden.

In einer Antwort auf eine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion verweist das Sozialministerium auf zusätzliche Stellen der Jugendsozialarbeit an Schulen sowie in der mobilen Kinder- und Jugendsozialarbeit, um Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung der individuellen Folgen der Pandemie zu unterstützen.

© dpa
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