Experten: Handlungsbedarf an Grundschulen

Die Mathe- und Deutschkompetenzen vieler Grundschüler im Land sind erschreckend schlecht. Auf der Suche nach Lösungen legen Bildungsforscher nun ein Gutachten mit Empfehlungen vor. Die Zeit drängt, aber schnelle Abhilfe wird es im Südwesten kaum geben.
Ein Schüler liest in einer Grundschule ein Buch. © Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild

Nach den erschreckenden Testergebnissen in Deutsch und Mathematik bei vielen Grundschülern und Empfehlungen von Bildungsexperten erwartet die Schulgewerkschaft GEW ein deutliches Nachsteuern der baden-württembergischen Landesregierung. Die grün-schwarze Koalition müsse Fehler korrigieren und die jahrelange Vernachlässigung der Grundschulen beenden, forderte die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Monika Stein, am Freitag in Stuttgart. «Dafür reichen die geplanten 500 Stellen für alle Schulen bei weiterem nicht aus», sagte sie.

«Bisher will die Landesregierung nur kleine Brötchen backen», warf Stein der Koalition vor. Angesichts der alarmierenden Befunde müsse aber mehr getan werden, um Kinder und Jugendliche zu fördern. Die jüngste Prognose für Baden-Württemberg habe einen Bedarf von zusätzlichen 1900 Stellen für die so genannte sozialindexbasierte Ressourcenzuteilung errechnet. «Wir erwarten von der Landesregierung einen Stufenplan, um dieses im grün-schwarzen Koalitionsvertrag vereinbarte Ziel zu erreichen», forderte Stein erneut.

Bildungsforscher sehen wegen der schlechten Deutsch- und Mathematik-Kompetenzen vieler Viertklässler und angesichts eines relevanten Anteils von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten bundesweit dringenden Handlungsbedarf. Die Grundschulen im Land sollten sich auf das Wesentliche konzentrieren und die Mindeststandards erreichen, schlägt die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz vor. Außerdem sollte die Stundenanzahl in Deutsch und Mathe erhöht, die individuelle Förderung verbessert werden, schreiben heißt es in der Zusammenfassung zu einem wissenschaftlichen Gutachten für die Kultusministerkonferenz (KMK). Die Studie wurde am Freitag in Berlin vorgestellt.

Erstellt hat es die «Ständige Wissenschaftliche Kommission» (SWK), ein bei der KMK angesiedeltes Beratergremium aus 16 Bildungsforschern, die regelmäßig Expertisen und Empfehlungen für die Bildungspolitik in Deutschland erarbeiten.

Der Grundschule gelinge es in vielen Fällen nicht, grundlegende Kompetenzen an alle Kinder zu vermitteln, schreiben die SWK-Vorsitzenden Thiel und Becker-Mrotzek. Studien hatten gezeigt, dass etwa jeder fünfte Viertklässler Mindeststandards in Deutsch und Mathematik nicht erreicht und fast jedes vierte sieben- bis zehnjährige Kind ein erhöhtes Risiko für psychische Auffälligkeiten zeigt.

Im Gutachten schlagen die Experten 20 Maßnahmen vor, die den Negativtrend an den Grundschulen umkehren sollen. Hintergrund sind der IQB-Bildungstrend, eine Studie, die im Abstand von fünf Jahren die Kompetenzen bei Viertklässlern repräsentativ untersucht, und die Kindergesundheitsstudie (Kiggs) des Robert Koch-Instituts. Die Studien hatten gezeigt, dass etwa jeder fünfte Viertklässler Mindeststandards in Deutsch und Mathematik nicht erreicht und fast jedes vierte sieben- bis zehnjährige Kind ein erhöhtes Risiko für psychische Auffälligkeiten zeigt.

Die Experten schlagen unter anderem vor, bereits in der Kita sprachliche und mathematische Kompetenzen stärker zu fördern, sie empfehlen Mindeststundenkontingente für Deutsch und Mathematik an den Grundschulen und regelmäßige Überprüfungen der Kinder durch «standardisierte Diagnoseverfahren» sowie eine stärkere Kooperation zwischen Eltern und Schule etwa durch halbjährliche verbindliche Entwicklungsgespräche.

Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sieht sich durch die Empfehlungen der Experten bestärkt, dass das Land «grundsätzlich schon die richtige Richtung» einschlägt. «Das sind Punkte, die bei uns ganz oben auf der To-do-Liste stehen und teilweise auch schon umgesetzt werden», sagte sie zu den vorgeschlagenen Maßnahmen. «So sind wir bei manchen Empfehlungen schon etwas weiter auf dem Weg, bei anderen Empfehlungen haben wir noch viele Schritte vor uns.»

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) mahnte allerdings, andere Fächer nicht außer Acht zu lassen: «Die Fokussierung auf die basalen Kompetenzen darf nicht bedeuten, dass alle anderen Bereiche außer Deutsch und Mathematik an den Rand gedrängt werden», sagte der Landesvorsitzende Gerhard Brand. Sein Stellvertreter Walter Beyer forderte eine Fach- und Lehrkräfteoffensive, außerdem müsse es kleinere Klassen und Gruppen geben, Pflichtstunden müssten reduziert und mehr Zeit für die Vorbereitung und Leitung zur Verfügung gestellt werden.

© dpa
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