Raus aus der Prostitution: Projekt sieht «klaren Erfolg»

Die coronabedingte Schließung von Bordellen hat im Südwesten viele Prostituierte in finanzielle Not gebracht. Das landesweite Projekt «Works» will ihnen den Wechsel in andere Berufe ermöglichen. Eine erste Bilanz fällt positiv aus - verbunden mit einer Forderung.
Eine Prostituierte wartet auf ihrem Zimmer in einem Bordell auf Kundschaft. © Andreas Arnold/dpa/Symbolbild

Etwas mehr als ein Jahr nach dem Start des landesweiten Projekts «Works» zur beruflichen Neuorientierung von Prostituierten haben die Leiter eine positive Zwischenbilanz gezogen. Bislang habe man mit den Angeboten 163 Menschen erreicht, sagte Projektleiterin Lydia Kissel von der Werkstatt Parität vom Paritätischen Wohlfahrtsverband in Baden-Württemberg am Freitag in Ravensburg. 16 Menschen seien bisher aus der Prostitution in andere Berufe, Ausbildungen oder Studiengänge vermittelt worden. Angesichts der Pandemie, die die Arbeit mit der Zielgruppe erschwere, sei diese Bilanz «sehr, sehr positiv».

In Baden-Württemberg waren nach Angaben der Projektträger vor der Corona-Pandemie knapp 5000 Prostituierte gemeldet. Mit der Dunkelziffer dürfte die Zahl nach Einschätzung des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen (BESD) aber deutlich höher liegen. «Viele wurden durch die coronabedingte Schließung von Bordellen in die Illegalität gedrängt», sagte die Sprecherin des BESD-Landesverbands für Baden-Württemberg, Daria Oniér. «Die, die gemeldet sind, haben Unterstützung bekommen können - wer schon unter prekären Umständen gearbeitet hat, aber nicht.»

Dort setzt nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbands das Projekt «Works» an. Gerade bei Sexarbeiterinnen, die unter schlechten Bedingungen oder illegal tätig sind, sei während Corona das Bedürfnis nach einem Berufswechsel gestiegen. Auf dem Weg dorthin wolle man Hindernisse abbauen - zum Beispiel durch Hilfe bei der Wohnungssuche und die Vermittlung von Maßnahmen zur beruflichen Qualifizierung. Das Projekt läuft in Stuttgart und Pforzheim sowie den Landkreisen Enzkreis, Reutlingen, Tübingen, Ravensburg und Bodenseekreis.

Dort seien durch das Projekt etwas mehr als fünf Vollzeit-Stellen für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter bei bestehenden und neuen Beratungsstellen finanziert worden. Sie hätten sich unter anderem mit kleinen Geschenktüten vor Bordelle gestellt oder Prostituierte zur Corona-Impfung begleitet, um den Kontakt mit Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern herzustellen. «Wir haben Unterschiedliches ausprobiert», sagte Riccarda Freitag von der im Zuge des Projekts neu gegründeten Beratungsstelle PROUT der Aidshilfe Tübingen-Reutlingen. «Und irgendwann fing das Eis dann an zu brechen.»

Die Beratung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfordere aber oft sehr viel Geduld, betonte Projektleiterin Lydia Kissel. Drohende Obdachlosigkeit, fehlende Kinderbetreuung und wenig Berufsausbildung führten dazu, «dass eine berufliche Neuorientierung extrem beratungs- und damit zeitintensiv ist», sagte Kissel. Deshalb wünsche man sich eine Verlängerung des Angebots. Bisher fördert das baden-württembergische Sozialministerium das Projekt bis Jahresende mit knapp einer Million Euro aus EU-Mitteln. Auch die Stellen für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind entsprechend befristet.

Ein Ministeriumssprecher betonte am Freitag, das Haus bewerte das Projekt «bislang überaus positiv». Die Arbeit trage dazu bei, die Chancen von Prostituierten auf Teilhabe in der Gesellschaft zu verbessern. Der Wechsel in ein anderes Berufsfeld sei «nicht leicht», umso wichtiger seien solche Beratungsangebote. Damit das Projekt weiter finanziert werden kann, könnten sich die Träger um weitere Fördergelder aus dem Europäischen Sozialfonds Plus bewerben. Das sei «grundsätzlich eine Perspektive», sagte Projektleiterin Kissel.

Auch BESD-Sprecherin Daria Oniér, selbst Sexarbeiterin, forderte eine Verlängerung und eine Ausweitung des Projekts auf andere Regionen. «Unser Berufsverband will auch nicht, dass jemand in der Prostitution arbeitet, der das eigentlich nicht will.» Bei «Works» seien Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter ergebnisoffen und auf Augenhöhe beraten worden - und nicht wie Opfer. «Die machen das super», sagte Oniér. «Gerade jetzt, wo viele Kolleginnen und Kollegen im Dunkelfeld arbeiten, ist es absolut wichtig, dass das Projekt verlängert wird.»

© dpa
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