Menschen mit Behinderung wollen Teilhabe und einen Job

Fachkräftemangel? Die Arbeitsagentur verweist zum «Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung» auf jede Menge gut ausgebildeter Leute. Inklusion wäre für alle eine gute Sache.
Eine blinde Person steht mit Langstock vor einem neu angebrachten Bodenleitsystem in einem Museum. © Paul Glaser/dpa/Symbolbild

Inklusion sollte nicht nur eine Selbstverständlichkeit sein - es würde sich für Unternehmen auch lohnen, mehr Menschen mit Behinderung einzustellen. Darauf weist die Arbeitsagentur Baden-Württemberg anlässlich des «Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung» (Samstag) hin. «Inklusion bedeutet Fachkräftesicherung», so die Behörde.

In Baden-Württemberg waren demnach im Oktober 15 269 schwerbehinderte Menschen arbeitslos gemeldet, fast die Hälfte hat eine betriebliche oder schulische Ausbildung und könnte als Fachkraft in den Arbeitsmarkt integriert werden. Christian Rauch, Leiter der Regionaldirektion Baden-Württemberg, betonte: «Menschen mit Behinderungen sind in der Regel gut qualifiziert, äußerst motiviert und sehr loyale Mitarbeiter.» Er bedauerte, dass die vorgeschriebene Fünf-Prozent-Beschäftigungsquote ab 20 Arbeitsplätzen nur selten erfüllt werde.

Auch die Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe behinderter Menschen forderte, gerade in Zeiten des Mangels an Arbeitskräften müsse die Gelegenheit ergriffen werden, alle Menschen mitzunehmen. Echte Teilhabe forderte ebenfalls Annette Noller, Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg: «Partizipation bedeutet, nicht nur dabei zu sein, sondern mitzugestalten und Einfluss zu nehmen.» Das Land müsse dafür sorgen, dass das Bundesteilhabegesetz in Baden-Württemberg endlich Wirkung zeige.

Die Situation für Menschen mit Behinderung im Land ist aus Sicht des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung nach wie vor schwierig. Unterentwickelt und stark ausbaufähig sei etwa das Verständnis von Barrierefreiheit in Museen. Viele Häuser bemühten sich. Nur ein kleiner Teil setze dies aber wirklich um, bedauerte Jutta Pagel-Steidl, die Geschäftsführerin des Verbandes. «In Baden-Württemberg hinken wir in Sachen barrierefreies und inklusives Museum deutlich hinterher, leider.»

Sie fügte hinzu: «Man begrenzt Barrierefreiheit darauf, mit einem Rollstuhl in Gebäude und Ausstellungsräume zu kommen. Aber es geht darum, dass Menschen mit Behinderungen eine Ausstellung selbstständig wahrnehmen können», so Pagel-Steidl.

Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet zur Barrierefreiheit. Der Aktionsplan zur Umsetzung der Konvention im Land ist aus Sicht des Verbandes in Hinblick auf das kulturelle Leben aber wenig ambitioniert und nicht ansatzweise ausreichend: «Es ist ein winziger Tropfen auf den heißen Stein.»

Eine Schau im Staatlichen Museum für Naturkunde in Karlsruhe will das besser machen: «Von Sinnen» (bis 10. September 2023) möchte auch Menschen mit Behinderung ein Museumserlebnis für alle Sinne ermöglichen. Neben Hör-, Riech- und Taststationen gibt es unter anderem Videos mit Gebärdensprache, Texte in Brailleschrift und ein taktiles Bodenleitsystem.

Das Land setzt nach eigenen Angaben zum «Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung» ein Zeichen und eröffnet ein Kompetenzzentrum für Barrierefreiheit. Es soll beim Bauen öffentlicher Gebäude und im Verkehr beraten sowie mögliche Konflikte schlichten. Wer sich über Zugangshindernisse an Gebäuden ärgert oder über eine Homepage einer Behörde, kann sich an das Zentrum wenden.

Für die Landtags-FDP ist das Etikettenschwindel. Ein Kompetenzzentrum gebe es längst. «Es wird alle Hände zu tun haben, die eigene Landesregierung zu beraten, endlich für bessere Zugänge für Menschen mit Behinderung zu sorgen», meinte der sozialpolitische Sprecher Niko Reith.

Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen sind in vielen Lebensbereichen immer noch benachteiligt. Darauf macht der von den Vereinten Nationen ausgerufene «Internationale Tag der Menschen mit Behinderung» seit 1992 jedes Jahr am 3. Dezember aufmerksam.

© dpa
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