9-Euro-Ticket: Verband stellt sich auf nächsten Ansturm ein

Es sind die gleichen Szenen Jahr für Jahr: Am Pfingstwochenende wird es in baden-württembergischen Zügen proppenvoll. Nun kam das 9-Euro-Ticket obendrauf. Das Ergebnis lässt die Verbände zwiegespalten zurück. Chaos? Erfolg? Oder beides?
Bahnreisende steigen am Bahnhof in Überlingen in einen Regionalzug ein. © Felix Kästle/dpa

Es wurde gedrängelt, geschoben, gestanden und lange, teils auch sehr lange ausgeharrt: Nach dem Andrang auf den Bahnhöfen am Pfingstwochenende mit Reisewelle und 9-Euro-Ticket fordern Verkehrsminister Winfried Hermann und Verbände kurzfristige Nachbesserungen. Sie dämpfen aber auch die Hoffnungen genervter Urlauber. «Auf die kommenden Wochenenden und Feiertage müssen sich alle gründlich vorbereiten und falls nötig das Angebot nachjustieren», sagte der Grünen-Minister am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Es sei aber auch klar, dass die Schieneninfrastruktur begrenzt sei. Es gebe kaum ungenutzte Züge. «Fahrpersonal, Trassen und Züge sind kurzfristig nicht wesentlich steigerbar.»

Das 9-Euro-Ticket habe gezeigt, dass die Infrastruktur ausgebaut und weitere Fahrzeuge gekauft werden müssten, damit mehr Menschen den Nahverkehr nutzen könnten. «Beides setzt den politischen Willen und mehr Geld voraus», sagte Hermann. «Deshalb war und ist es ein großer Fehler, dass die Bundesregierung und allen voran der Bundesverkehrsminister sich gegen eine Erhöhung der Regionalisierungsmittel entschieden haben», kritisierte er den Ressortchef im Bund, Volker Wissing.

Auch der Fahrgastverband Pro Bahn rechnet damit, dass die Bahn nach den jüngsten Erfahrungen an der einen oder anderen Stellschraube drehen wird. «Aber viel wird sie nicht machen können. So eine Aktion braucht einfach mehr Vorlauf, und die Bahn hat keine Reserven», sagte der Landesvorsitzende des Verbands, Joachim Barth.

Viele Hauptstrecken in Baden-Württemberg seien bereits jetzt so überlastet, dass zusätzliche Züge auf den vollen Strecken nicht eingesetzt werden könnten. «Außerdem kostet das alles Geld, und es ist kein zusätzliches Personal da», sagte Barth. «Da kann man nicht mal eben doppelt so viele Züge einsetzen, weil man es drei Monate lang braucht.» Es wäre sinnvoller gewesen, erst in die Infrastruktur zu investieren und dafür zu sorgen, dass eine Aktion wie das 9-Euro-Ticket reibungsloser abgewickelt werden könne.

Allerdings sei das verlängerte Wochenende im Großen und Ganzen ein voller Erfolg gewesen. «Es hat gezeigt, dass die Leute Bahn fahren wollen und dass die Bahn es im jetzigen Zustand nicht verkraftet», sagte Barth.

Ähnlich sieht das die Tourismusbranche. «Dass die Nachfrage nach Fahrten mit dem 9-Euro-Ticket gleich am ersten Wochenende so stark war, ist grundsätzlich positiv», sagte Jutta Ulrich von der Schwarzwald Tourismus GmbH. Es zeige aber auch, dass das Interesse an Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln hoch sei. «Es wäre wünschenswert, dass gerade an den touristisch beliebten Strecken an Feiertagwochen vermehrt Sonderzüge eingesetzt werden könnten.»

Mit dem 9-Euro-Ticket können Fahrgäste seit dem 1. Juni einen Monat lang bundesweit den Nahverkehr nutzen. Die Fahrkarten werden für Juni, Juli und August verkauft. Damit sollen Pendler wegen der stark gestiegenen Energiekosten unterstützt werden. Allerdings führten die Reisewelle zu Pfingsten und das Ticket am verlängerten Wochenende zu teils überfüllten Regionalzügen und Verspätungen.

Aus Sicht der FDP-Fraktion im Landtag legt das Ticket die Probleme der Bahn offen. «Das zeigt schon jetzt, dass die Deutsche Bahn nur bedingt auf zusätzliche Kapazitäten im Nahverkehr und auch zu touristischen Zielen vorbereitet ist, weil einfach das Deutsche Bahn-Netz in einem katastrophalen Zustand ist», sagte Verkehrsexperte Christian Jung dem Sender HR Info. Er könne sich angesichts der nötigen Investitionen eine Fortsetzung des 9-Euro-Tickets nur vorstellen, wenn geklärt werde, wer das fehlende Geld ausgleiche.

Die Bahn sieht das entspannter: «Insgesamt blickt die DB auf einen geregelten Pfingstverkehr zurück», heißt es in einer Mitteilung. «Jedoch gab es wie erwartet regionale Auslastungsspitzen.» Zur Lage in Baden-Württemberg machte die Bahn auf Anfrage keine Angaben.

© dpa
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