Nabu: Im Südwesten ist jede siebte Vogelart bedroht

Alle Vögel sind schon da? Das gilt schon seit langem nur noch für das Volkslied. Denn viele Vogelarten der Welt drohen auszusterben. Und auch in Baden-Württemberg sind zahlreiche Arten gefährdet. Das ist das düstere Ergebnis einer weitreichenden Bestandsaufnahme.
Ein Rebhuhn sitzt in einem Gehege. © Sina Schuldt/dpa/Symbolbild

Das Rebhuhn könnte es schon bald treffen, die Feldlerche ebenfalls und auch das sehr seltene Braunkehlchen: Im Südwesten ist mittlerweile jede siebte Vogelart vom Aussterben bedroht. «Auch an Baden-Württemberg geht der Vogelschwund nicht spurlos vorbei», sagte Stefan Bosch, der Landesfachbeauftragte für Ornithologie des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), am Donnerstag.

Insgesamt 27 Arten, darunter das Haselhuhn, der Flussuferläufer und der Raubwürger, seien bereits ausgestorben. «Weitere 28 Arten oder 14 Prozent der Arten insgesamt sind vom Erlöschen bedroht und 15 Arten sind stark gefährdet», sagte Bosch. Er bezieht sich bei den Zahlen nach eigenen Angaben auf die noch nicht veröffentlichte Rote Liste der Brutvögel. Nach Angaben des baden-württembergischen Umweltministeriums können von den insgesamt 200 regelmäßigen einheimischen Brutvogelarten im Südwesten lediglich 82 Arten als ungefährdet eingestuft werden. Auch die Behörde zitiert in der Antwort auf eine Landtagsanfrage der FDP aus der noch nicht vorliegenden siebten Fassung der Roten Liste.

Weltweit ist eine von acht Vogelarten in ihrer Existenz gefährdet, wie aus dem aktuellen «State of the World's Birds»-Bericht der gemeinnützigen internationalen Organisation Birdlife hervorgeht. In ihm werden alle vier Jahre systematisch die Daten von Forschern, Artenschützern und anderen Organisationen zusammengetragen. Bei fast der Hälfte aller weltweiten Vogelarten schrumpft demnach die Zahl der Tiere, nur sechs Prozent der Arten haben noch wachsende Populationen.

Durch die industrielle Landwirtschaft verschwinde die abwechslungsreiche Struktur auf den Feldern mit den Randzonen, Alleen, Büschen und Brachflächen, sagte der Nabu-Vogelschützer Bosch. Auch der Einsatz von Maschinen und Chemikalien gefährdet die Vögel stark. «Man kann das aber nicht den Bauern in die Schuhe schieben», sagte Bosch. «Verantwortlich sind die Verbraucher, die vor allem auf niedrige Preise achten und weniger auf die Auswirkungen ihrer Wahl für das gesamte Gefüge.»

Dabei sei auch die Gesellschaft direkt vom Artensterben der Vögel betroffen. «Wenn Vögel sterben ist, dann ist das immer auch ein Alarmsignal. Vögel sind wichtige Boten», sagte Bosch. Der Zustand ihrer Arten sage stets etwas aus über den Zustand der Insekten oder falsche Entwicklungen zum Beispiel im Agrarbereich oder bei der Stadtplanung, die früher oder später auch entscheidend seien für die Menschen.

«Wir haben in den vergangenen 500 Jahren mehr als 160 Vogelarten verloren, und das Tempo des Aussterbens nimmt zu», sagte Lucy Haskell, die wissenschaftliche Leiterin bei Birdlife, einer Mitteilung zufolge zur weltweiten Situation. «In der Vergangenheit war der Großteil der aussterbenden Arten auf Inseln zu Hause, aber leider sehen wir mittlerweile auch eine steigende Zahl an Verlusten auf den Kontinenten.» Gründe seien neben der Landwirtschaft und der Abholzung der Wälder auch Klimawandel-Folgen wie Stürme, Waldbrände und Dürren.

Als wichtigster Lösungsansatz gilt es den Studienautoren zufolge, die für Vögel überlebenswichtigen Lebensräume zu erhalten oder zu renaturieren. Außerdem seien Projekte, mit denen gefährdete Arten gezielt geschützt werden, notwendig. Der Erfolg einiger Artenschutzprojekte der vergangenen Jahre gebe auch Anlass zur Hoffnung, heißt es in dem Bericht. Ohne diese Projekte wären in den vergangenen knapp 30 Jahren bis zu 32 Vogelarten bereits ausgestorben, darunter der Waldrapp, schreiben die Forscher. Der Erhalt der Natur und der Biodiversität müsse bei politischen Entscheidungen künftig oberste Priorität bekommen.

© dpa
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