Die Masken fallen: Johnson öffnet England und erntet Kritik

Der britische Premier setzt für die Zeit nach dem Ende der Corona-Maßnahmen auf die Selbstverantwortung. Doch die Briten sind frustriert von den widersprüchlichen Ansagen und dem Verhalten der Regierung.

Für Boris Johnson hätte das Wochenende vor dem als «Freedom Day» bezeichneten Ende fast aller Corona-Maßnahmen an diesem Montag in England kaum schlechter laufen können. Ausgerechnet Gesundheitsminister Sajid Javid steckte sich mit dem Coronavirus an - und das obwohl er zweifach geimpft ist.

Zunächst hieß es, der britische Premierminister und sein Finanzminister Rishi Sunak müssten trotz Kontakts mit Javid nicht in Selbstisolation. Grund sei die Teilnahme an einem Pilotversuch, der stattdessen tägliche Tests vorsehe. Doch ein Sturm der Empörung im Land führte am Sonntag innerhalb weniger Stunden zu einer Kehrtwende. Johnson werde sich auf seinem Landsitz Chequers isolieren, hieß es in einer eilig nachgeschobenen Mitteilung.

Sunak gestand per Twitter ein, dass eine Bevorzugung von Regierungsmitgliedern kein gutes Bild abgeben würde. Immerhin sitzen Hunderttausende Briten derzeit zuhause, weil sie vom Nationalen Gesundheitsdienst NHS nach Kontakt mit einer infizierten Person zur Selbstisolation aufgefordert wurden.

Für Johnson, der nach dem Ende von Maskenpflicht und Abstandsregeln in England an diesem Montag ganz auf die Selbstverantwortung der Menschen setzt, könnte das Hin und Her zum Glaubwürdigkeitsproblem werden. Frust herrscht auch über die kurzfristige Entscheidung der Regierung, den Nachbarn Frankreich von den ab Montag geltenden Reiseerleichterungen auszunehmen. Trotz zweifacher Impfung müssen Rückkehrer nun wieder in Quarantäne. Die Kriterien dafür sind nur schwer zu durchschauen.

Dass die Pandemie nun wieder im Herzen der britischen Regierung angekommen ist, erinnert an die chaotischen Tage im vergangenen Frühjahr, als Johnson selbst zum Corona-Patient wurde. Tagelang musste er auf der Intensivstation behandelt werden. Großbritannien wurde wegen hoher Infektionszahlen zum Sorgenkind Europas. Und auch jetzt grassiert das Virus wieder beinahe ungehemmt - mit dem Unterschied, dass inzwischen ein Großteil der erwachsenen Bevölkerung geimpft ist und die Zahl der Todesfälle weiterhin auf niedrigem Niveau liegt.

Deswegen, so argumentiert die Regierung, sei es richtig, dass in Zügen, Geschäften und Kinos Mund-Nasen-Bedeckungen von Montag an nicht mehr vorgeschrieben sind und selbst Nachtclubs wieder ohne Abstandsregeln oder zahlenmäßige Beschränkungen öffnen dürfen. Veranstaltungsbetriebe sowie Transportunternehmen haben bereits angekündigt, im Einklang mit der Gesetzeslage fortan nicht mehr auf das Masken-Tragen zu bestehen. Ohne das lästige Stück Stoff, so ihr Kalkül, haben sie mehr Gäste und machen mehr Umsatz.

Kritik von Experten an seinen Plänen lässt Johnson nicht gelten. Allen sei klar, wie sie es künftig mit Masken halten sollen, sagte der Regierungschef - dabei klagen Geschäfte und Firmen über fehlende Leitlinien. Unternehmer seien «verständlicherweise verwirrt» über die Aussagen aus der Downing Street, sagt Roger Barker vom Führungskräfte-Verband Institute of Directors. «Masken wegwerfen oder weiter tragen? Die Anleitung der Regierung trägt wenig dazu bei, die Verwirrung zu zerstreuen.» Die Gewerkschaft TUC warnt vor einem «Rezept für Chaos und steigende Infektionen».

Inzwischen liegt die Zahl der täglichen Neuinfektionen wieder bei über 50.000 - so hoch wie seit einem halben Jahr nicht mehr. Auch die Krankenhauseinweisungen nehmen wieder zu. Ihre Klinik habe die Corona-Intensivstation nach zwei Monaten wieder öffnen müssen, schreibt die Ärztin Caroline Bullen auf Twitter.

Kritiker werfen Johnson und seiner Regierung vor, kurz nach der Fußball-EM mit Zehntausenden Fans im Stadion sehenden Auges in eine Katastrophe zu steuern. Mehr als 1200 Experten, Mediziner und Wissenschaftler fordern in einem offenen Brief eine Verschiebung der Lockerungen. Vor allem junge Leute, die erst eine Impfdosis erhalten haben, und Menschen mit chronischen Krankheiten seien in Gefahr. Millionen könnten langfristig an Covid-19 erkranken.

Dass die Zahl der Neuinfektionen weiter klettern wird, bezweifelt die Regierung gar nicht. Ganz im Gegenteil: Gesundheitsminister Javid hält bis zu 100.000 neue Fälle täglich für absolut realistisch. Das wissenschaftliche Expertengremium Sage erwartet mindestens 1000 Krankenhauseinweisungen sowie 100 bis 200 Corona-Tote täglich. Doch Johnson sieht die Zeit für gekommen, das Land Richtung Normalität zu führen. «Wenn nicht jetzt, wann dann?», lautet die Regierungslinie. Mildes Wetter und die bevorstehenden Sommerferien seien bessere Rahmenbedingungen als die im Herbst erwartete Grippewelle.

Dennoch: Einig ist man sich in Großbritannien, wo Gesundheit Sache der Länder ist, keineswegs. Mit seinem Vorpreschen mache Johnson England zum Außenseiter, kritisiert Mark Drakeford, Regierungschef von Wales. Er lockert ebenso vorsichtiger wie auch seine schottische Kollegin Nicola Sturgeon. Zentraler Bestandteil: die Maskenpflicht. Wer im Zug nach Wales einreise, müsse bei Grenzübertritt eine Maske aufsetzen, betont Drakeford. Selbst im Parlament ist die Konfusion groß. Er habe keine Befugnis, den Abgeordneten Masken vorzuschreiben, klagt Parlamentspräsident Lindsay Hoyle. Angestellte müssen hingegen weiter Maske tragen, das ist auch in Bussen und Bahnen in London weiterhin Vorschrift. Es droht ein Flickenteppich und noch mehr Verwirrung. Ob Johnson mit seiner Mahnung zur Selbstverantwortung auf offene Ohren stoßen wird, scheint fraglich.

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