Wo Deutschland wirklich von China abhängig ist, und wo nicht

Die deutschen Abhängigkeiten von China rücken immer stärker in den Fokus. Erpressbar ist die Wirtschaft hierzulande aber längst nicht überall. Einer Abkopplung sehen Experten eher gelassen entgegen.
Containerterminal Tollerort
Das Containerschiff «Cosco Pride» der chinesischen Reederei Cosco Shipping liegt am Containerterminal Tollerort. © Jonas Walzberg/dpa

Die Diskussionen um den Hamburger Hafen, um Huawei im Mobilfunknetz und die Abhängigkeiten zu China generell zeigen: Im Verhältnis Deutschlands zur Volksrepublik tut sich was. Politiker sehen genauer hin, Unternehmen rechtfertigen plötzlich ihre Investitionen vor Ort und über allem schwebt das Damoklesschwert:

Was, wenn China Taiwan angreift?

Immer wieder ist in diesem Kontext von der «China-Falle» die Rede, von der Erpressbarkeit Deutschlands und den verheerenden Folgen, die eine plötzliche Abschottung für die Wirtschaft hätte. Dabei lohnt ein genauerer Blick.

Was sich im Verhältnis zu China gerade verändert

Lange Zeit galt China der deutschen Wirtschaft vor allem als profitabler Wachstumsmarkt und Innovationstreiber. Doch nicht erst seit der russischen Invasion in die Ukraine und Chinas Drohgebärden in Richtung Taiwan hat sich im Verhältnis zur Volksrepublik etwas grundlegend verändert, wie Jürgen Matthes beobachtet. Die mit Chinas Aufnahme in die Welthandelsorganisation verbundene Hoffnung auf eine Demokratisierung etwa habe sich für den Westen nicht erfüllt. «China ist unter Xi Jinping immer autokratischer geworden.»

Zudem habe die Volksrepublik in der Vergangenheit auf dem Weltmarkt massiv andere Exporteure verdrängt und dabei nach unfairen Regeln gespielt. Ähnlich schätzt das Alexander Sandkamp vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel ein. Schon in der Vergangenheit habe China beispielsweise in Deutschland investiert. «Aber durch die Entwicklungen wird es natürlich kritischer beäugt.»

Wie es wirklich um die Abhängigkeiten steht

Importe

Bei Importen sehen Experten wie Sandkamp die größte Verwundbarkeit Deutschlands. Ob Rohstoffe für Handys oder Solaranlagen, Chemieprodukte oder einige Lebensmittel - bei einigen Produkten dominieren die Einfuhren aus China klar. Bei Laptops etwa kämen 80 Prozent aus der Volksrepublik, bei von der EU als kritisch eingestuften seltenen Erden und Rohstoffen wie Scandium oder Antimon seien es 85 Prozent, wie eine IfW-Studie zuletzt zeigte. Abseits dieser einzelnen Produktgruppen sei die Importabhängigkeit aber geringer, als es klassische Handelsstatistiken suggerieren.

«Die grundlegende Frage ist: Wo können wir China wirklich kurzfristig nicht ersetzen, und wo hat man es bisher nicht gemacht, weil es aktuell zu teuer erscheint?», sagt Matthes. Doch auch wenn sich einzelne Produkte woanders besorgen ließen - wenn neben Deutschland die gesamte westliche Welt plötzlich nicht mehr mit China handeln würde, käme es wieder zu Engpässen auf den globalen Märkten, warnt Sandkamp. «Dann wird es zu einem Konkurrenzkampf kommen.» Und wenn Deutschland sich alleine abkoppele und künftig etwa Batterien aus Indien importiere, die wiederum mit chinesischen Rohstoffen gebaut sind, sei die Frage, inwiefern dann die Abhängigkeit wirklich reduziert sei.

Exporte

Auf der Exportseite hat China für deutsche Unternehmen seit 2020 an Bedeutung eingebüßt. Im Jahr 2022 rutschte die Volksrepublik laut Statistischem Bundesamt von Platz zwei auf Platz vier der wichtigsten Abnehmerländer. «Bei der Exportabhängigkeit hat sich die Lage beruhigt in den vergangenen Jahren», sagt Sandkamp. Ob das aber eine generelle Trendumkehr sei, oder zunächst an den strengen Covid-Lockdowns und den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Volksrepublik liege, müsse sich noch zeigen.

Man müsse bei solchen Statistiken immer auch bedenken, dass Deutschland weit mehr mit der EU als Ganzes handele, als mit China, sagt er weiter. Klar sei aber dennoch, dass der chinesische Markt für viele deutsche Firmen von überragender Bedeutung sei, und zwar als Absatz- und als Wachstumsmarkt, betont Jens Hildebrandt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer (AHK) in Peking. Das gelte insbesondere für deutsche Autobauer und Chemie-Hersteller.

Technologie

«Was gerne übersehen wird, ist die Rolle Chinas als Innovationstreiber. Deutsche Unternehmen entwickeln und testen hier neueste Technologien für den globalen Markt», sagt Hildebrandt weiter. Sich zurückziehen würde also auch bedeuten, bei Innovationen zurückzufallen. Deutsche Autobauer sehen schon jetzt mit Sorge, wie chinesische Hersteller auf dem Markt für Elektroautos davonzuziehen drohen. Nicht nur in Sachen E-Mobilität, auch beim autonomen Fahren ist das Entwicklungstempo in China rasant.

Welche Auswirkungen eine Abkopplung hätte

Ein «Decoupling» sei für deutsche Unternehmen in China ein absolutes «Worstcase-Szenario», sagt Hildebrandt. Durch die enge Verflechtung deutscher Unternehmen in chinesische Lieferketten würde sich eine wirtschaftliche Abkopplung auf die ganze deutsche Wirtschaft negativ auswirken. «Volkswirtschaftlich gesehen würde eine Abkopplung mit erheblichen Wohlstandsverlusten einhergehen», warnt er.

Etwas weniger drastisch schätzt IfW-Ökonom Sandkamp die Lage ein: «Wir haben das mal simuliert und sind zu dem Schluss gekommen, dass so eine Abkopplung auf den ersten Blick langfristig gar nicht so teuer wäre.» Deutschland würde demnach auf lange Sicht etwa ein Prozent seiner Wirtschaftsleistung einbüßen - das seien jedes Jahr knapp 40 Milliarden Euro weniger.

Kurz- und mittelfristig sei das wesentlich schwieriger: Es käme zu Engpässen, einzelne Firmen würden sicher pleitegehen und die mangelnde Verfügbarkeit einzelner Vorprodukte würde etwa die Energiewende oder die Elektrifizierung der Autobranche massiv verschleppen. Zudem seien Investitionsflüsse in diesen Berechnungen nicht berücksichtigt.

Wie sich Unternehmen aktuell aufstellen

Bei den Unternehmen ist von einer Abkehr von China noch nicht viel zu spüren. Bosch, Schaeffler oder BASF kündigten zuletzt einen Ausbau ihrer Präsenz dort an. Auch die Autobauer setzen weiter auf das Chinageschäft und den Anschluss an die dortige technologische Entwicklung. Was zuletzt aber auffällig war: Fast immer betonten die Firmen auch, in welche Weltregionen sie darüber hinaus investieren.

«Ich finde es nicht problematisch, dass noch in China investiert wird», sagt Sandkamp. Sollte es irgendwann wirklich zu einer neuen Blockbildung mit hohen Zöllen kommen, sei diese Strategie aus Unternehmenssicht sogar sehr sinnvoll - man könne dann in China für China weiterproduzieren. Es brauche aber gleichzeitig unbedingt auch eine Intensivierung der Beziehungen zu anderen Ländern.

Wie abhängig China von Deutschland ist

Bei all den Diskussionen um die Abhängigkeit von China wird oft die Frage ausgeblendet: Wie ist es eigentlich anders herum? Rund acht Prozent der chinesischen Arbeitsplätze seien vom Export in den Westen abhängig, sagt Matthes. Und beim Import kämen seinen Berechnungen zufolge fast alle Flugzeuge, Autos oder Arzneimittel aus dem Westen.

Auch bei einigen Lebensmitteln habe der Westen hohe Importanteile. Als kritisch stuft er Chinas Abhängigkeit von westlichen Halbleitern und Maschinen dafür ein. Käme es wirklich zu einem Konflikt mit Taiwan, lägen etwa hier Sanktionsmöglichkeiten.

© dpa ⁄ David Hutzler und Jörn Petring, dpa
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