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Schaeffler will Vitesco schlucken

Der fränkische Zulieferer Schaeffler hatte sich in der Finanzkrise mit der Übernahme von Conti beinahe verhoben. Jetzt will er mit Vitesco einen weiteren Teil aus dem einstigen Conti-Imperium übernehmen.
Schaeffler
Der Industrie- und Autozulieferer will den Antriebsspezialisten Vitesco übernehmen. © Daniel Karmann/dpa

Der Autozulieferer Schaeffler will den Regensburger Antriebsspezialisten Vitesco komplett übernehmen und so zu einem «Marktführer im Bereich E-Mobility» werden.

Vorstandschef Klaus Rosenfeld sagte: «Es wird ein Unternehmen entstehen, das 25 Milliarden Euro Umsatz macht, 120.000 Mitarbeiter und 100 Werke hat.» Die Produktpalette der beiden Konzerne ergänze sich perfekt.

Die Familie Schaeffler hält bereits knapp 50 Prozent der Vitesco-Aktien. Den übrigen Vitesco-Aktionären bietet die Schaeffler AG jetzt an, ihre Anteile für 91 Euro je Aktie zu übernehmen - das entspricht einem Aufschlag von 21 Prozent auf den Börsenkurs vom vergangenen Freitag.

Überraschung bei Vitesco

Vitesco wurde von dem Angebot aus Herzogenaurach offensichtlich überrascht. Die ehemalige Continental-Tochter teilte lediglich mit, Vorstand und Aufsichtsrat würden «alle Informationen sorgfältig prüfen und über die nächsten Schritte entscheiden».

Die IG Metall Bayern machte ihren Wunsch nach einer «einvernehmlichen Lösung» deutlich. «Unser vorrangiges Ziel ist es, dass die Standorte beider Unternehmen in ihrer Stärke erhalten bleiben und keine Arbeitsplätze abgebaut werden», sagte Landesbezirkschef Horst Ott. Die IG Metall halte aus Sicht von Schaeffler die strategische Ausrichtung zur Verschmelzung mit Vitesco für sinnvoll.

Vitesco macht derzeit noch den Löwenanteil seines Geschäfts mit Verbrennerkomponenten, hat aber zuletzt vor allem Aufträge für die Elektroantriebssparte eingesammelt. Das Unternehmen erwirtschaftete mit weltweit 38.000 Mitarbeitern vergangenes Jahr einen Umsatz von 9,1 Milliarden Euro.

Was ist das Ziel von Schaeffler?

Schaeffler hat das Ziel, «einen Marktführer im Bereich E-Mobility mit einem pro-forma Auftragsbestand von 40 Milliarden Euro sowie mittelfristig solider Profitabilität und hohem Wachstumspotenzial zu schaffen». Bei der Elektrifizierung ergänzten sich die Technologieangebote lückenlos. Der Zusammenschluss der Firmen soll Umsatz- und Kostensynergien von 600 Millionen Euro jährlich einbringen, die ab 2029 voll erreicht werden.

Das Angebot von Schaeffler bewertet Vitesco mit 3,6 Milliarden Euro. Für sämtliche nicht bereits von der Familienholding gehaltenen Vitesco-Aktien müsste Schaeffler also rund 1,8 Milliarden Euro zahlen. Eine Mindestannahmeschwelle hat Schaeffler aber nicht gesetzt. Die Übernahme soll mit Bankkrediten finanziert werden.

Das Übernahmeangebot soll von Mitte November bis Mitte Dezember laufen. Im vierten Quartal 2024 soll dann die Verschmelzung erfolgen. Kartellrechtliche Freigaben seien in der EU nicht nötig, teilte Schaeffler mit. Die Vitesco-Aktionäre könnten ihre Aktien mit Prämienaufschlag an Schaeffler verkaufen oder bei der Verschmelzung in Schaeffler-Aktien tauschen.

Im Zug der Fusion will Schaeffler seine Vorzugsaktien in stimmberechtigte Stammaktien umwandeln. Bisher hält die Familie die Stammaktien des Wälzlagerherstellers komplett, von den stimmrechtslosen Vorzügen befinden sich drei Viertel im Streubesitz. «Die Familie Schaeffler geht einen großen Schritt. Dafür wird sie mit rund 70 Prozent am neuen Unternehmen beteiligt sein», sagte Rosenfeld.

Laut Warburg-Bank-Experte Marc-René Tonn sichert sich Schaeffler mit dem milliardenschweren Auftragsbestand von Vitesco «solide Wachstumsperspektiven in dem wichtigen Zukunftsgeschäft der E-Mobilität». Die Prämie betrage absolut 720 Millionen Euro, was angesichts der angestrebten Synergien von jährlich 600 Millionen Euro nicht sonderlich hoch sei. Akshat Kacker von der US-Bank JPMorgan schrieb, der Zusammengang habe «eine starke strategische Logik durch komplementäre Technologieportfolios, die die Wachstumschancen in der Elektromobilität nutzen».

Vitesco war 2021 von der ehemaligen Konzernmutter Continental abgespalten worden. An Conti besitzt die Schaeffler-Familie seit einem missglückten Übernahmeversuch in der Finanzkrise 2008 rund 46 Prozent.

© dpa
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