Mit historischer Zinserhöhung gegen Rekordinflation

Lange hat die EZB gezögert, nun erhöht sie das Tempo bei der Zinswende. Eine historische Zinserhöhung soll die Rekordinflation im Euroraum eindämmen. Die Währungshüter müssen in Kauf nehmen, dass ihr Kurs die angeschlagene Wirtschaft weiter schwächen kann.
Die EZB hat weitere Zinserhöhungen in den nächsten Monaten in Aussicht gestellt. © Boris Roessler/dpa

Die Rekordinflation im Euroraum treibt die Euro-Währungshüter zur größten Zinserhöhung der EZB-Geschichte. Die Notenbank hebt den Leitzins im Euroraum trotz wachsender Sorgen vor einem Absturz der Wirtschaft in eine Rezession um 0,75 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent an.

Die Teuerungsraten seien «nach wie vor deutlich zu hoch», begründete die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, am Donnerstag in Frankfurt. Im EZB-Rat habe Einigkeit darüber bestanden, dass weitere Zinsanhebungen in den nächsten Monaten wahrscheinlich seien. Bankenverbände und Volkswirte in Deutschland begrüßten, dass die Notenbank sich nun mit höherem Tempo von ihrer ultralockeren Geldpolitik verabschiedet.

Anleger dürfen nach einer jahrelangen Flaute somit wieder auf Zinsen auf dem Sparkonto hoffen. Dafür spricht auch, dass Banken nach der Abschaffung der Strafzinsen im Juli künftig wieder 0,75 Prozent Zinsen erhalten, wenn sie Gelder bei der EZB parken. Andererseits dürften sich zum Beispiel Immobilienkredite weiter verteuern.

Nach langem Zögern hatte der EZB-Rat bei seiner Sitzung am 21. Juli erstmals seit elf Jahren die Zinsen im Euroraum wieder angehoben. Für die September-Sitzung hatte die Notenbank seinerzeit eine weitere Zinserhöhung um 0,5 Prozentpunkte in Aussicht gestellt.

Höhere Zinsen gegen steigende Inflation

Doch weil die Teuerungsrate zuletzt weiter anzog, nahm der Druck auf die Euro-Währungshüter zu, einen größeren Schritt zu beschließen. Höhere Zinsen können steigenden Teuerungsraten entgegenwirken, sie sind aber zugleich Ballast für die ohnehin schwächelnde Wirtschaft.

«Die EZB hat mittlerweile Angst, dass ihr die Felle davonschwimmen und sie in ein jahrelanges Inflationsproblem hineinläuft», kommentierte Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Sein Kollege von der DZ Bank, Michael Holstein, findet, die kräftigte Zinserhöhung komme zu spät, denn die Euro-Wirtschaft befinde sich bereits auf dem Weg in die Rezession - «doch ein längeres Warten wäre noch teurer als ein beherztes Gegensteuern in wirtschaftlich unsicheren Zeiten».

Ifo-Präsident Clemens Fuest kommentierte: «Besser spät als nie.» Dennoch bleibe die Geldpolitik sehr expansiv. «In den nächsten Monaten werden weitere Zinserhöhungen folgen müssen. Die Zinsen seien nach wie vor sehr niedrig.

Die Verbände von Privatbanken, Genossenschaftsbanken und Sparkassen in Deutschland begrüßten die historische Zinserhöhung. Die Entscheidungen seien allerdings «nur eine Etappe auf dem Weg zu einem angemessenen Zinsniveau», befand der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Helmut Schleweis. «Weitere Zinsanhebungen müssen folgen, damit die Menschen der EZB und ihrem Versprechen stabiler Preise auch weiter glauben können.»

Kein Ende in Sicht

Ein Ende der Preissteigerungen im Euroraum ist nicht in Sicht: Im August kletterte die Inflation im Währungsraum der 19 Länder getrieben von steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen auf die Rekordhöhe von 9,1 Prozent. Die EZB rechnet für das Gesamtjahr 2022 inzwischen mit 8,1 Prozent Inflation. Auch im kommenden Jahr wird die Teuerungsrate nach Einschätzung der Notenbank im Jahresschnitt mit 5,5 Prozent deutlich über der Zielmarke der EZB verharren.

Die Notenbank strebt für den gemeinsamen Währungsraum mittelfristig ein stabiles Preisniveau bei einer jährlichen Teuerungsrate von zwei Prozent an. Getrieben wird die Inflation seit Monaten vor allem von steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nochmals kräftig anzogen.

Die EZB hatte die hohe Inflation lange als vorübergehend interpretiert und leitete deutlich später als viele andere Zentralbanken die Zinswende ein. Die US-Notenbank Fed beispielsweise hat ihre Leitzinsen bereits mehrfach nach oben geschraubt, dabei zweimal um jeweils 0,75 Prozentpunkte. Lagarde räumte ein, dass die EZB bei ihren Einschätzungen Fehler gemacht habe.

Für immer mehr Menschen werde die hohe Inflation zu einer enormen Belastung, hatte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel jüngst gesagt und eine «kräftige Zinsanhebung» im September angemahnt. Die Geldpolitik müsse die hohe Teuerung entschlossen bekämpfen, hatte Nagel betont.

Zugleich gibt es unter Währungshütern Sorge, mit einer zu schnellen Normalisierung der zuvor jahrelang ultralockeren Geldpolitik die Konjunktur zu bremsen, die ohnehin mit Lieferengpässen und den Folgen des Ukraine-Krieges etwa auf dem Energiemarkt zu schaffen hat. Die Sorge vor einem Absturz der Wirtschaft in eine Rezession ist groß.

Mit monetären Mitteln ließen sich «weder Energiereserven herzaubern, noch Energiepreise senken, noch die Dauer der Energiekrise verkürzen», gab Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank, trotz seiner grundsätzlichen Zustimmung zum EZB-Kursschwenk zu bedenken.

Wachstum erwartet

Kritisch sieht der Sprecher der deutschen Grünen im Europaparlament, Rasmus Andresen, die EZB-Entscheidungen: «Lieferengpässe, Russlands Angriffskrieg und enorme Überschussgewinne aufseiten der Unternehmen lassen sich nicht durch die Zinspolitik der EZB auflösen.»

Allerdings traut die EZB der Wirtschaft im Euroraum nach starken ersten sechs Monaten im Gesamtjahr 2022 inzwischen etwas mehr Wachstum zu als noch im Juni angenommen: Die Vorhersage geht nun von 3,1 Prozent Plus aus, im Juni hatte die Notenbank für 2022 noch 2,8 Prozent Wachstum erwartet.

«Nach einer Erholung des Wirtschaftswachstums im Euroraum im ersten Halbjahr 2022 deuten jüngste Daten auf eine erhebliche Verlangsamung hin. Für den weiteren Jahresverlauf und das erste Quartal 2023 wird mit einer wirtschaftlichen Stagnation gerechnet», erklärte die EZB. Im nächsten Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Währungsraum der EZB-Einschätzung zufolge nicht um 2,1 Prozent, sondern nur um 0,9 Prozent wachsen.

© dpa
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