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Konjunktur: Nicht nur Inflation und höhere Zinsen belasten

Die deutsche Wirtschaft steht im internationalen Vergleich derzeit mau da. Ist Deutschland wieder der «kranke Mann Europas», wie das britische Magazin «The Economist» unlängst titelte?
Lebensmittel
Das Statistische Bundesamt veröffentlicht vorläufige Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal. © Sebastian Kahnert/dpa

Die deutsche Wirtschaft steckt in der Flaute fest. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist Deutschland der einzige G7-Industriestaat, dessen Wirtschaft in diesem Jahr schrumpfen wird.

Im dritten Quartal verringerte sich das Bruttoinlandsprodukt nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes im Vergleich zum Vorquartal leicht um 0,1 Prozent. Gedämpft wird die wirtschaftliche Entwicklung auch durch die erhöhte Inflation. Sie bleibt trotz eines deutlichen Rückgangs im Oktober auf 3,8 Prozent eine Bürde für Verbraucherinnen und Verbraucher.

Warum dämpft die Inflation die Konjunkturentwicklung?

Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Bei einer jüngst veröffentlichten Umfrage im Auftrag des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes gaben 61 Prozent von insgesamt mehr als 4800 Befragten im Sommer an, in den vorherigen zwölf Monaten ihren Konsum eingeschränkt zu haben.

Der Privatkonsum ist eine wichtige Stütze der Konjunktur. «Vor allem die hohen Preise für Nahrungsmittel schwächen die Kaufkraft der privaten Haushalte in Deutschland und sorgen dafür, dass der private Konsum in diesem Jahr keine Stütze der Konjunktur sein wird», erwartet Rolf Bürkl vom Nürnberger Marktforscher GfK. Im dritten Quartal nahmen die Konsumausgaben nach den vorläufigen Daten der Statistiker ab.

Wie hat sich die Inflation entwickelt?

Die Inflation bleibt trotz eines deutlichen Rückgangs in Deutschland eine Belastung. Die Verbraucherpreise lagen im Oktober nach vorläufigen Daten um 3,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats - nach 4,5 Prozent im September und 6,1 Prozent im August. Deutschland war vor Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 stark von billigem russischen Gas abhängig, bis Russland die Lieferungen einstellte. Die Energiepreise schossen in die Höhe und schoben die Inflation insgesamt an. Inzwischen belasten vor allem Nahrungsmittelpreise die Verbraucher: Diese stiegen im Oktober 2023 überdurchschnittlich stark um 6,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Welche Rolle spielen Zinserhöhungen der EZB?

Im Kampf gegen die Inflation erhöhte die Europäische Zentralbank seit Juli 2022 die Zinsen zehnmal in Folge. Zuletzt drehten die Euro-Währungshüter angesichts gesunkener Inflationsraten nicht weiter an der Zinsschraube. Höhere Zinsen verteuern Kredite, was die Nachfrage bremsen und hohen Teuerungsraten entgegenwirken kann. Zugleich sind teurere Kredite eine Last für die Wirtschaft, weil sich kreditfinanzierte Investitionen verteuern. Manche Unternehmen überdenken daher ihre Investitionen. Private Hausbauer ebenso wie große Investoren halten sich mit Bauprojekten zurück.

Was belastet die deutsche Wirtschaft noch?

Die exportorientierte deutsche Wirtschaft bekommt die Schwäche der Weltwirtschaft zu spüren. «Ein schwächerer Außenhandel trifft die deutsche Wirtschaft über die Maßen und stärker als teilweise andere Nationen», sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck jüngst. Die Weltwirtschaft erholt nur sich nur langsam von den Folgen der Pandemie, vom russischen Krieg gegen die Ukraine und der Inflation - das Wachstum ist dem IWF zufolge historisch schwach. «Die Weltwirtschaft humpelt vor sich hin, sie sprintet nicht», sagte IWF-Chefvolkswirt Pierre-Olivier Gourinchas unlängst.

Was stützt die deutsche Wirtschaft?

Der Arbeitsmarkt zeigt sich robust. Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist der Bundesagentur für Arbeit zufolge weiter hoch. Es fehlt an vielen Stellen Personal. Führende Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten angesichts der «notorischen» und sich perspektivisch weiter verschärfenden Personalknappheit in vielen Bereichen nur einen moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 2,6 Millionen Menschen in diesem Jahr. In den beiden kommenden Jahren werde die Zahl der Arbeitslosen wohl leicht sinken.

«Verglichen mit anderen Ländern steht Deutschland insgesamt gut da, nicht nur bei Beschäftigung und Schuldentragfähigkeit», sagte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel Anfang September in einem Interview. «Deutschland ist nicht der kranke Mann Europas. Ich halte das für eine Fehldiagnose, die bei vielen allzu leicht verfängt. Wir sollten da selbstbewusster auftreten.»

Wie steht es um Deutschlands Staatsfinanzen?

Deutschland wird trotz der schwachen Wirtschaftsentwicklung nach Worten von Finanzminister Christian Lindner international weiter als Stütze des Finanzsystems gesehen. «Wir sind so etwas wie ein Stabilitätsanker, denn bei uns geht die Verschuldung, geht die Schuldenquote zurück», sagte der FDP-Politiker unlängst.

© dpa ⁄ Friederike Marx, dpa
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