Krieg lässt Hoffnung auf wirtschaftliche Erholung platzen

17.03.2022 Das Gewicht der Ukraine und Russlands in der Weltwirtschaft ist eigentlich gar nicht so groß. Die Folgen des Krieges in Osteuropa sind dennoch gewaltig.

Autoproduktion in Dresden: Wegen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine werden ökonomische Folgen erwartet. © Matthias Rietschel/dpa

Schon wieder zerplatzen Hoffnungen auf eine nachhaltige Erholung der deutschen Wirtschaft. Diesmal sind es die ökonomischen Schockwellen des Krieges in der Ukraine, die eine Rückkehr auf das Niveau vor der Corona-Krise bis ins nächste Jahr verschieben dürften.

Der Krieg und seine ökonomischen Folgen potenzieren die Probleme, die schon im vorigen Jahr Europas größte Volkswirtschaft ausgebremst haben - allen voran explodierende Energiepreise und die Lieferengpässe bei wichtigen Rohstoffen und Vorprodukten. Wichtige Forschungsinstitute haben daher ihre Wachstumsprognosen für 2022 kräftig gestutzt. Zugleich stimmen sie die Verbraucher auf die höchste Inflation seit Anfang der 90er Jahre ein.

Nur noch ein Wachstum von 2,1 Prozent

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) traut der deutschen Wirtschaft im laufenden Jahr nur noch ein Wachstum von 2,1 Prozent zu. Bereits im Dezember hatte das Institut seine Erwartungen angesichts der anhaltenden Coronapandemie und der hartnäckigen Lieferengpässe von 5,1 auf 4 Prozent gestutzt. Wegen der seit Kriegsausbruch noch stärker steigenden Energiepreise erwarten die Ökonomen 2022 eine Inflationsrate von 5,8 Prozent. Das wäre der höchste Wert seit Anfang der 90er Jahre, als der Boom nach der deutschen Einheit die Teuerung angeheizt hatte.

Auch das Essener Instituts RWI und das IWH in Halle senkten ihre Prognosen. Das RWI geht nun von 2,5 Prozent aus, nach bislang 3,9 Prozent. Das IWH hat die Erwartungen vergleichsweise moderat von 3,5 auf 3,1 Prozent gedrückt. Die Forscher in Halle setzen darauf, dass die Aufhebung vieler Pandemie-Restriktionen der Wirtschaft einen kräftigen Schub verleihen könnte. Schon am Mittwoch hatte das Wirtschaftsministerium in Berlin in seinem jüngsten Monatsbericht auf «substanzielle Risiken für die deutsche Konjunktur» hingewiesen. Allerdings ließen sich die Auswirkungen «zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht seriös beziffern. Sie hängen stark von der Dauer und der Intensität des Konflikts ab.»

«Der Ukraine-Schock»

Mit einem neuerlichen Absturz der größten europäischen Volkswirtschaft in eine Rezession wie in der Corona-Krise 2020 rechnet unter den gegenwärtigen Bedingungen niemand. Damals war die deutsche Wirtschaft um 4,6 Prozent geschrumpft. Anschließend war mit einer zügigen Erholung gerechnet worden, heraus kam dann 2021 ein - gemessen am Einbruch - mageres Wachstum von 2,9 Prozent. Im Falle eines Stopps der Gaslieferung aus Russland wäre in Deutschland allerdings mit einer «scharfen Rezession vor allem im Verarbeitenden Gewerbe zu rechnen», mahnt das IWH.

«Der Ukraine-Schock verzögert die Rückkehr zum Vor-Corona-Niveau in die zweite Jahreshälfte», schreibt das IfW in seiner Prognose. «Die Produktionskapazitäten bleiben bis Ende des Jahres nicht voll ausgelastet und damit die Wirtschaftsleistung unter den Möglichkeiten.» Dabei dürften «starke postpandemische Auftriebskräfte» eine Rezession verhindern. Dazu zählen die IfW-Forscher vor allem die in der Pandemie zurückgehaltene Kaufkraft vieler Konsumenten sowie Spitzenwerte bei den Auftragsbeständen der Unternehmen. «Diese Sonderfaktoren federn den Ukraine-Schock ab, so dass die konjunkturelle Erholung nach der Corona-Pandemie zwar kurzfristig stark belastet wird, aber nicht abbricht», sagte IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths.

Lage verschärft sich

Wegen oft fehlender Rohstoffe und Zulieferteile konnten viele Unternehmen aber schon im vorigen Jahr gar nicht alle Aufträge abarbeiten. Diese Lage verschärft sich aus Sicht der deutschen Wirtschaft mit dem Krieg dramatisch. Wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) am Donnerstag mitteilte, melden rund 60 Prozent der Firmen zusätzliche Störungen in der Lieferkette und Logistik als Folge des Krieges. «Der Stress in der Wirtschaft ist momentan sehr groß», sagte DIHK-Vizepräsident Ralf Stoffels. Die steigenden Energie- und Rohstoffkosten könne kein Mittelständler schlucken.

Besonders getroffen zeigt sich die Chemie, eine energieintensive Branche, die zudem für viele Produkte Erdgas oder Rohbenzin als Rohstoff einsetzt. Steigende Kosten führten «zu Verschiebungen von Produktionen ins Ausland und Drosselungen von Anlagen im Inland, weil diese nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden konnten», sagte der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes VCI, Wolfgang Große Entrup. Die Prognose eines Rekordjahres 2022 zog der Verband zurück. «Jegliche Prognose wäre im hohen Maß spekulativ.»

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) berichtet ebenfalls, dass die bereits bestehenden Probleme bei internationalen Lieferketten durch neue Versorgungsengpässe verschärft würden. Aus Russland fehlten wichtige Rohstofflieferungen, auch aus der Ukraine seien bisher wichtige Stoffe und Vorprodukte geliefert worden, heißt es in einer der dpa vorliegenden IW-Studie, für die 1900 Unternehmen befragt wurden. Als Beispiele für neue Engpässe nennt das IW Palladium, Nickel, Neon oder Kabelbäume. «Wenn diese länger andauern, weil Ersatz nur begrenzt mobilisiert werden kann, drohen anhaltende Produktionsausfälle in der deutschen Wirtschaft.»

Dem IW zufolge sehen sich rund drei Viertel der Firmen durch hohe Energiepreise belastet. Weit mehr als ein Drittel seien in ihren Geschäftsabläufen durch ausfallende Lieferungen von Vorleistungen oder drohende Engpässe in der Energieversorgung bedroht. «Für die mittlere Frist werden weiter ansteigende Belastungen durch den Krieg für die Unternehmen in Deutschland erwartet.»

© dpa

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