Chemie erwartet Produktionsrückgang

06.07.2022 Die enorm hohen Preise gerade für Gas belasten die energiehungrige Chemie- und Pharmaindustrie - die Angst vor einem Lieferstopp aus Russland ist groß. Unternehmen bereiten sich auf den Krisenfall vor.

Industrieanlagen stehen auf dem Werksgelände eines Chemiekonzerns. Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie erwartet dieses Jahr wenig Besserung der angespannten Lage. © Uwe Anspach/dpa

Angesichts der Gaskrise und einer schwächeren Konjunktur erwartet die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie wenig Entspannung ihrer schwierigen Lage.

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) rechnet dieses Jahr bei teurer, aber ausreichender Energie- und Rohstoffversorgung mit einem Produktionsrückgang von 1,5 Prozent, wie er am Mittwoch mitteilte. Für das reine Chemiegeschäft stellte er gar ein Produktionsminus von 4 Prozent in Aussicht.

Auch in der zweiten Jahreshälfte erwarte man hohen Ertragsdruck für die wichtige Industriebranche mit über 530 000 Beschäftigten. «Eine spürbare Entspannung bei den Energie- und Rohstoffkosten sehen wir derzeit nicht», sagte VCI-Präsident Christian Kullmann in Frankfurt. Erdgas dürfte deutlich teurer bleiben als in anderen Weltregionen. Es deute sich zwar eine leichte Entspannung bei den Lieferengpässen an, doch dürfte die Chemikaliennachfrage von Kunden nachlassen.

Große Sorgen

Gegenwärtig sei die Gasversorgung so, dass die Branche produzieren könne, sagte Kullmann. Doch die Preise seien «atemberaubend» hoch. Die Branche tue alles, um lieferfähig bleiben. So stocke sie bereits Lager auf, um Kunden im Krisenfall trotzdem versorgen zu können.

In der Chemie- und Pharmaindustrie sind die Sorgen groß, dass Russland die schon eingeschränkten Gaslieferungen nach Deutschland nach der Wartung der Pipeline Nord Stream 1 am 11. Juli komplett einstellt. Die Branche ist laut VCI mit einem Anteil von 15 Prozent größter deutscher Gasverbraucher, knapp ein Drittel des Industrieverbrauchs entfällt auf sie. Die Pharma- und Chemiebranche braucht Gas als Energiequelle und als Rohstoff zur Weiterverarbeitung in Produkten - etwa in Kunststoffen, Arzneien oder Düngemitteln.

Risiko: Dominoeffekte

In rund 80 Prozent der Wertschöpfungsketten sei die Chemie- und Pharmaindustrie vorne beteiligt, ergänzte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. Wer der Branche Gas wegnehme, riskiere Dominoeffekte in der ganzen Industrie. «Wir bereiten uns für eine Drosselung oder sogar Einstellung der Gasimporte vor» sagte Große Entrup. Die Unternehmen im Süden und Südosten würden als Erstes leiden. Das hänge mit dem Pipeline-System zusammen.

Der Chemie- und Pharmaindustrie machen nach einem Rekordjahr 2021 steigende Energiekosten, angespannte Lieferketten sowie die Folgen des Ukraine-Kriegs auch für die Konjunktur zu schaffen. Insbesondere die Chemieindustrie ist als Lieferant vieler Branchen wie die Auto-, Konsumgüter- und Bauindustrie konjunkturabhängig und bekommt das weltweit schwächere Wirtschaftswachstum zu spüren. Die Verkaufsmengen im klassischen Chemiegeschäft seien rückläufig und der Auftragsbestand sei weitgehend abgebaut, berichtete der VCI.

Im ersten Halbjahr konnte die Branche die Produktion mit 0,5 Prozent gemessen am Vorjahreszeitraum kaum ausweiten. Ohne Pharma sank sie um 3 Prozent. Wegen kräftig steigender Erzeugerpreise stieg der Umsatz um 22 Prozent auf 130 Milliarden Euro. Da die Unternehmen die rapide steigenden Energie- und Produktionskosten nur teils an Kunden weitergeben könnten, seien die Gewinnmargen zunehmend unter Druck.

© dpa

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