Pubs vor dem Aussterben? Verband fordert Hilfe

Die Kosten für Gas und Strom explodieren. In Großbritannien könnte das einer Umfrage zufolge mehr als 70 Prozent der Pubs in diesem Winter den Garaus machen. Die Branche fordert Hilfe von der Regierung. Doch die ist mit sich selbst beschäftigt.
Ketten sichern die Türen eines geschlossenen Pubs in London: Die gestiegenen Preise für Gas und Strom bringen die ohnehin durch die Pandemie gebeutelten Pubs in Großbritannien in existenzielle Nöte. © Dominic Lipinski/PA Wire/dpa

Weihnachtsessen im Pub - das gehört für viele Briten zur Tradition über die Festtage. Doch glaubt man den Ergebnissen einer Umfrage des Branchenblatts «The Morning Advertiser» könnte es vielerorts bald der Vergangenheit angehören.

Wegen stark gestiegener Strom- und Gaspreise droht demnach mehr als 70 Prozent der urigen Kneipen in diesem Winter das Aus. Rund zwei Drittel der befragten Wirte gaben an, die Kosten nicht auffangen zu können. Es sei bereits von einem «Aussterben» der Pubs die Rede, so der Bericht.

Ähnlich klingen die Warnungen des Branchenverbands British Beer and Pub Association. Der veröffentlichte am Dienstag einen Brief, in dem er die Regierung in London dringend zum Handeln aufrief, um die Pub-Kultur zu retten. Die Kneipen hätten teilweise mit einer Vervierfachung ihrer Energiekosten im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie zu kämpfen.

Energiepreisdeckel gefordert

«Ohne eine rasche und substanzielle Intervention der Regierung werden eine riesige Zahl an Pubs ihre Türen für immer schließen müssen», heißt es in dem Schreiben, das auch die Geschäftsführer mehrerer großer Pub-Ketten und Brauereien unterzeichneten.

Dem Verband zufolge ist die gesamte Lieferkette stark unter Druck. Unter anderem habe ein für die Bierherstellung wichtiger Produzent von Kohlendioxid angekündigt, wegen der schwierigen Marktbedingungen aus dem Geschäft auszusteigen.

Anders als für Privathaushalte gibt es in Großbritannien für Unternehmen keine Preisdeckelung bei Strom und Gas. Die britische Regierung ist derzeit wegen des laufenden Rennens um die Nachfolge von Premierminister Boris Johnson nicht umfassend handlungsfähig.

Der Verband fordert einen Energiepreisdeckel für kleinere Unternehmen. «Ohne sofortige Hilfsmaßnahmen der Regierung für die Branche sehen wir dem Ausblick entgegen, dass viele Pubs ihre Rechnungen nicht bezahlen können, Jobs verloren gehen und viele Lokale im ganzen Land schließen müssen», sagte der Geschäftsführer Pub-Kette Greene King, Nick Mackenzie. «Das würde bedeuten, die ganzen Anstrengungen, Pubs während der Pandemie über Wasser zu halten, wären umsonst gewesen.»

Die Pub-Kultur in Großbritannien, einst sozialer Dreh- und Angelpunkt vieler Dörfer und Stadtviertel, ist schon länger im Niedergang. Erst im Juli wurde ein neuer Tiefpunkt vermeldet, als die Zahl der Pubs in England und Wales auf unter 40 000 sank. Anders als die Eckkneipe in Deutschland sind britische Pubs ein Ort, an dem oft ganze Familien zusammenkommen. Viele bieten Programm wie Bingo-, Quiz- oder Karaoke-Abende an und werden auch für Familienfeiern gebucht.

Lieferprobleme bei Biergläsern

Zusätzlich zu den rasant steigenden Energiekosten klagt die britische Bierindustrie über sinkende Ausgaben der Verbraucher, Lieferprobleme bei Biergläsern und Kohlendioxid. Die Branche fordert niedrigere Mehrwertsteuersätze und Unternehmensteuern. Der Verband Society of Independent Brewers warnte, die Regierung dürfe die angekündigte Verringerung der Abgaben für in Pubs gekauftes Bier nicht verzögern.

Den Lokalen setzt neben den Folgen der Schließungen während der Pandemie und der Inflation auch ein Wandel in den Gewohnheiten zu. Immer mehr Menschen trinken ihr Bier - auch aus Kostengründen - auf der heimischen Couch anstatt im Pub an der Ecke.

«Pubs sind ein wichtiger Teil unseres Erbes und unserer Gemeinschaften, und der Verlust wird enorm sein, sowohl hinsichtlich der Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, aber auch der sozialen Auswirkungen», warnte der Chefredakteur des «Morning Advertisers», Ed Bedington. Er warf der Regierung vor, die Krise «entweder zu übersehen oder zu ignorieren».

© dpa
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