Kreml: Europa schuld an ausbleibenden Gaslieferungen

Russland will wegen der Sanktionen zunächst nicht mehr Gas über Nord Stream 1 nach Europa liefern und weist die Schuld an dem Stopp von sich. In der EU kursieren unterdessen Ideen für einen Gaspreisdeckel.
Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 in Lubmin. © Stefan Sauer/dpa

In der Energiekrise weist der Kreml dem Westen weiter die Schuld an gestoppten Gaslieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 zu. «Wir wissen nicht, wie die Reparaturarbeiten durchgeführt werden sollen, weil die Sanktionen dies verhindern», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag beim Wirtschaftsforum in Wladiwostok der Nachrichtenagentur Interfax zufolge. Die Verantwortung dafür liege bei den europäischen Staaten und den Staaten, die Sanktionen gegen das Land eingeführt hätten.

Der russische Staatskonzern Gazprom hatte am Samstag nach einer planmäßigen Wartung der Turbine die Gaslieferungen durch Nord Stream 1 nach Europa nicht wieder aufgenommen. Gazprom begründet den Lieferstopp mit austretendem Öl aus der Turbine und der daraus entstandenen Brandgefahr. Ursache für das Leck sei ein Konstruktionsfehler an der von Siemens Energy gelieferten Turbine.

Das Unternehmen widersprach der russischen Darstellung. «Solche Leckagen beinträchtigen im Normalfall den Betrieb einer Turbine nicht und können vor Ort abgedichtet werden», sagte ein Sprecher von Siemens Energy am Montag. Auch früher sei es wegen solcher Öllecks nicht zu einem Stillstand gekommen.

Noch immer nimmt Russland mit dem Export von Gas, Öl und Kohle Milliarden ein. In den ersten sechs Monaten des Ukraine-Kriegs verdiente Russland mit dem Export fossiler Energieträger 158 Milliarden Euro, zeigt ein am Dienstag veröffentlichter Bericht der Forschungsorganisation Centre for Research on Energy and Clean Air (Crea). Das sei mehr als Russland nach Schätzungen für den Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgebe.

Mehrere Möglichkeiten für einen Gaspreisdeckel

Wegen der angespannten Lage auf dem Energiemarkt prüft die EU-Kommission nun mehrere Möglichkeiten für einen Gaspreisdeckel. Ein Weg ist dabei, sich auf einen Höchstbezugspreis für russisches Gas zu verständigen, wie aus einem internen Papier hervorgeht, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Die Preisgrenze könnte nach dem Diskussionspapier per Gesetz umgesetzt werden. Die EU könnte auch als einzelner Käufer mit Russland über Preise und Mengen verhandeln. Eine weitere Option ist demnach, den Preis an europäischen Handelsplätzen unter bestimmten Voraussetzungen zu deckeln. In einem früheren Entwurf hatte die EU-Kommission davon abgeraten, den Gaspreis in der gesamten EU zu deckeln. Der Gaspreisdeckel könnte am Freitag Thema beim Treffen der EU-Energieminister werden. Dann wollen die Minister über Notfallmaßnahmen wegen der stark gestiegenen Energiepreise beraten.

Am Dienstagnachmittag ist der Preis für europäisches Erdgas indes deutlich gesunken. Ein Grund dafür dürfte die mögliche Reaktion Europas auf die drohende Erdgaskrise sein. Am frühen Nachmittag kostete der Terminkontrakt TTF für niederländisches Erdgas etwa 220 Euro je Megawattstunde, rund zehn Prozent oder 25 Euro weniger als am Vortag.

Einsatz von drei schwimmenden Flüssiggasterminals

In Deutschland gehen derweil die Anstrengungen weiter, möglichst unabhängig von russischem Gas zu werden. Eine Möglichkeit dabei sind Terminals für verflüssigtes Erdgas (LNG) an der Nord- und Ostsee, die gerade im Eiltempo geplant und gebaut werden. Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, erwartet in diesem Winter den Einsatz von drei schwimmenden Flüssiggasterminals. Neben zwei staatlichen LNG-Terminals, bei deren Vorbereitungen es derzeit keine Verzögerungen gebe, sei auch die Inbetriebnahme eines privat betriebenen Terminals in Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern in Aussicht gestellt, sagte Müller.

Der Chef der Bundesnetzagentur bekräftigte, dass die Einspeicherung von Gas in Deutschland ungeachtet des Gas-Lieferstopps durch Nord Stream 1 weitergehe. Inzwischen liege der Füllstand der Speicher bei 86 Prozent. Das sei möglich, weil Deutschland beim Einkauf hohe Preise zahle und es Einsparungen in der Wirtschaft, aber auch in anderen Bereichen gebe.

© dpa
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