4,5 Millionen Beschäftigte machen Überstunden

Teils vergütet, teils unbezahlt: Gut jeder achte Arbeitnehmer in Deutschland hat 2021 Mehrarbeit gestemmt. Gewerkschaften plädieren für bessere Arbeitsbedingungen - und wehren sich gegen Forderungen nach längeren Arbeitszeiten.
Durchschnittlich 4,5 Millionen Menschen in Deutschland haben 2021 Überstunden gemacht. © Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa

Mehr als jeder achte Arbeitnehmer in Deutschland hat im vergangenen Jahr Überstunden gemacht. Durchschnittlich 4,5 Millionen Menschen leisteten mehr Arbeit als in ihrem Vertrag vereinbart, teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit.

Das seien 12 Prozent der 37,8 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hierzulande. Dabei machten Männer mit einem Anteil von 14 Prozent etwas häufiger Überstunden als Frauen mit 10 Prozent.

Von den Menschen, die 2021 Mehrarbeit erbrachten, leisteten knapp 22 Prozent unbezahlte Überstunden, hieß es weiter. Knapp 18 Prozent wurden dafür bezahlt. 72 Prozent nutzten ein Arbeitszeitkonto.

Hans-Böckler-Stiftung: Beunruhigende Zahlen

Für die meisten Beschäftigten war die Mehrarbeit auf wenige Stunden pro Woche begrenzt, so die Statistiker. Zugleich jedoch machten 29 Prozent der Betroffenen mindestens 15 Stunden Mehrarbeit je Woche.

Solche Zahlen seien beunruhigend, sagte die wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Bettina Kohlrausch. «Vor diesem Hintergrund wird noch einmal deutlich, wie unnötig und kontraproduktiv Diskussionen über eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit sind.» Sie forderte gegen den Fachkräftemangel attraktive Bedingungen, darunter Arbeitszeitarrangements, die Spielräume für eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und übrigem Leben ließen.

Zuletzt hatte Industriepräsident Siegfried Russwurm längere Wochenarbeitszeiten als Mittel gegen den zunehmenden Mangel an Arbeitskräften gefordert. «Ich habe persönlich große Sympathie für eine optionale Erhöhung der Wochenarbeitszeit - natürlich bei vollem Lohnausgleich», hatte er gesagt. Eine 42-Stunden-Woche sei sicher leichter umzusetzen als eine allgemeine Einführung der Rente mit 70, so Russwurm. Zuvor hatte sich auch Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), in der Debatte um sinkende Einkünfte der Rentenversicherung für eine 42-Stunden-Woche als Regelarbeitszeit ausgesprochen.

DGB: Unverantwortlich hohes Niveau

Mehrarbeit war laut der Analyse der Wiesbadener Statistiker im vergangenen Jahr am weitesten in der Finanz- und Versicherungsbranche verbreitet, wo 19 Prozent davon betroffen waren. Auch in der Energieversorgung leisteten mit 18 Prozent relativ viele Menschen Überstunden. Am niedrigsten war der Anteil mit 6 Prozent im Gastgewerbe und der Kunst- und Unterhaltungsbranche (8 Prozent) - hier dürften sich jedoch Corona-Beschränkungen ausgewirkt haben.

Anja Piel, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), sprach von einem unverantwortlich hohen Niveau an Überstunden. Das sei «Lohndiebstahl auf den Knochen von Beschäftigten». Arbeitgeber wirtschaften sich so jährlich einen zweistelligen Milliardenbetrag in die eigene Tasche. «Das Nachsehen haben Beschäftigte aber nicht nur beim Geld, sondern auch bei ihrer Gesundheit.» Die Bundesregierung stehe in der Pflicht, wirksame Gegenstrategien zu entwickeln.

© dpa
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