Inklusion: Nicht jeder kann uneingeschränkt dabei sein

01.12.2021 Jeder Mensch hat in Deutschland das Recht auf allgemeine Teilhabe - uneingeschränkt zu lernen, zu wohnen und zu arbeiten. Doch in der Thüringer Realität sieht es oft anders aus als auf dem Papier.

Ein Stimmzettelumschlag für die Briefwahl zur Bundestagswahl liegt auf einem Tisch. Foto: Julian Stratenschulte/dpa/Illustration © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Mehr als ein Drittel der Menschen mit Behinderungen in Thüringen spürt Ausgrenzung. Im aktuellen Inklusionsmonitor beklagten rund 36 Prozent der Befragten mit Behinderung, sich nicht zugehörig zu fühlen; 23 Prozent der Menschen ohne Behinderung schätzten das ebenso ein. Der Aussage, «Menschen mit Behinderungen werden im Alltag mit zahlreichen Benachteiligungen konfrontiert», stimmten rund 80 Prozent der befragten Menschen mit Behinderung zu, bei denen ohne Behinderzung waren es 77 Prozent.

«Das zeigt, die Betroffenen spüren das noch deutlich stärker als die Leute, die nicht betroffen sind», sagte der Leiter des Meinungsforschungsinstituts Insa Consulere, Hermann Binkert, bei der Vorstellung der Ergebnisse am Mittwoch in Erfurt. Es sei daher wichtig, bei der Beschäftigung mit Fragen der Inklusion Menschen mit Behinderungen und ihre Bedürfnisse stärker in den Blick zu nehmen.

Jeder Zweite in Thüringen weiß laut der Erhebung nicht, was mit dem Begriff «Inklusion» gemeint ist. Ihr zufolge bedeutet er, dass jeder Mensch überall uneingeschränkt dabei sein, lernen, wohnen, arbeiten und leben kann. In der Realität sieht es allerdings oft anders aus. So waren etwa bei den diesjährigen Bundestagswahlen rund ein Viertel der Wahllokale in Thüringen nicht barrierefrei. Im aktuellen Inklusionsmonitor beklagten die Befragten etwa Stufen, einen fehlenden Aufzug oder eine unzureichende Ausschilderung des Wahllokals.

Rund 73 Prozent der für die repräsentative Studie befragten Menschen mit und ohne Behinderung, die in einem Wahllokal gewählt hatten, gaben an, dass es ohne Einschränkungen barrierefrei war. Auch bei den Wahlunterlagen gibt es der Studie zufolge Nachbesserungsbedarf, wenn auch deutlich weniger. Fast 70 Prozent der befragten Menschen mit Behinderung, beklagten, dass es schwer sei, sich in der Thüringer Politik Gehör zu verschaffen.

Die Erhebung zeige deutliche Punkte, die stärker bearbeitet werden müssten, sagte Landtagspräsidentin Birgit Keller. «Wir müssen dafür Sorge tragen, dass überall barrierefrei gewählt werden kann.» Die Schwachstellen in der Inklusion in Thüringen, die der Monitor aufzeige, seien nicht neu, konstatierte die behindertenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Karola Stange. In Sachen Barrierefreiheit und Inklusion bleibe politisch viel zu tun.

Den Inklusionsmonitor gibt es seit 2016, also seit sechs Jahren. Der Schwerpunkt der Befragungen lag im Jahr 2021 auf «Digitalisierung und Wahlen».

© dpa-infocom GmbH

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