Die Krankheit nach der Krankheit: Post-Covid-Behandlung

17.12.2021 Nach der akuten Infektion ist die Behandlung mancher Corona-Patienten nicht vorbei. Wer an diffusen Beschwerden wie Müdigkeit oder Wortfindungsstörungen leidet, kann sich in Sachsen an die Unikliniken wenden. Doch die Kapazitäten sind knapp.

Blick auf den Eingang der Corona-Intensivstation der Uniklinik. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Sie sind zwischen 30 und 60 Jahren alt, waren mal fit und hatten vor einigen Monaten einen vergleichsweise milden Corona-Verlauf. Und dennoch: Sich Namen zu merken, acht Stunden am Stück zu arbeiten oder einfach Luft zu holen fällt ihnen schwer. Angesichts der hohen Corona-Infektionszahlen auch in den vergangenen Wellen gibt es in Sachsen viele Patientinnen und Patienten mit dem sogenannten Post-Covid-Syndrom. Die beiden Unikliniken Dresden und Leipzig bieten Hilfe in spezialisierten Ambulanzen und Sprechstunden für Betroffene an, die keine eindeutigen organischen Leiden wie geschädigte Lungen haben. Doch die Kapazitäten reichen nicht aus.

Während unter dem geläufigeren Begriff Long Covid bis zu vier Wochen anhaltende Symptome der Erkrankung verstanden werden, fasst der Name Post-Covid verschiedene Symptome zusammen, die auch zwölf Wochen nach der Infektion noch bestehen und nur schwer einzugrenzen sind. Häufig seien aber auch Erschöpfungserscheinungen, Fatigue genannt, eine geringere Belastbarkeit der Patienten oder Luftnot, sagt Paul Baum von der Uniklinik Leipzig. «Die Betroffenen können sich Dinge schlechter merken, ihnen fallen Wörter nicht mehr ein. Das wird von vielen Patienten als sehr belastend empfunden», sagt Baum.

Wie viele Patienten nach einer Corona-Infektion betroffen sind, lässt sich noch nicht verlässlich sagen. Die Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin schätzt den Anteil auf bis zu 15 Prozent. Viele Betroffene hätten schon mehrere Facharztbesuche hinter sich, bevor sie sich an die Uniklinik wenden, sagt Baum.

In der Leipziger Ambulanz werden die Patienten zunächst auf physische Ursachen für die Symptome untersucht. «Wenn wir diese körperlichen Beschwerden ausgeschlossen haben, was bei einem großen Teil der Patienten in der Ambulanz der Fall ist, untersuchen wir die Patienten auf neurologische und psychosomatische Erkrankungen.» Es gebe Fragebögen zu Angststörungen, Depressionen, psychosomatischen Symptomen und neurologischen Problemen. Je nach Befund könnten die Patienten etwa in die Neurologie überwiesen werden, die ein spezialisiertes mehrwöchiges Programm anbiete. Nach einer Covid-Infektion seien auch Depressionen häufig. Die Ursache dafür? Gegenstand der Forschung.

«Grundsätzlich ist die Behandlung des Post-Covid-Syndrom symptomorientiert, das heißt je nach Symptomen erfolgt eine spezifische Therapie», so Baum. Häufig stehe dabei die Beratung des Patienten hinsichtlich Verhaltensweisen, sportlicher Betätigung und Aktivierung von persönlichen Ressourcen im Mittelpunkt.

So unterschiedlich die Symptome auch sind, die Betroffenen haben einige Gemeinsamkeiten: Während der Infektion litten sie laut Baum zwar oft an Grippe-Symptomen mit Gliederschmerzen und Luftnot, mussten jedoch nicht ins Krankenhaus. Diese Erfahrung hat auch Amalia Hanßke von der Uniklinik Dresden gemacht, die dort zusammen mit Kollegen die psychosomatische Sprechstunde für Menschen mit Covid-19-Spätfolgen betreut. «Die meisten beschrieben, dass sie wegen der akuten Infektion drei bis fünf Wochen krankgeschrieben waren und danach versuchten, in den ausgeübten Beruf wieder einzusteigen», sagt sie.

Viele seien nach ihren eher milden Corona-Verläufen überrascht, dass die Post-Covid-Symptomatik so lange andauere. Sie setzten sich zum Teil stark unter Druck, wieder wie vor der Erkrankung zu funktionieren. «Einige fühlen sich nicht ernst genommen, wenn keine körperliche Ursache gefunden wurde», weiß Hanßke.

In der psychosomatischen Sprechstunde in Dresden stellten sich bislang mehr als 110 Menschen vor, die etwa an Schlafstörungen, «Gehirnnebel» oder Angststörungen leiden. Im Gespräch mit den Betroffenen will Hanßke etwa wissen: «Wie gehen die Betroffenen mit ihren Symptomen um? Was wissen sie über ihre Erkrankung? Welche Konsequenzen haben sich möglicherweise durch die Beschwerden entwickelt?» Nach einem ausführlichen Gespräch würden Wege zum Umgang mit den Beschwerden behandelt.

Es gehe auch darum, den Patienten Angst zu nehmen, sagt Hanßke. «Wir machen den Betroffenen Hoffnung, dass die Beschwerden zwar langandauernd sind und die Folgen der Erkrankung langwierig, dass aber diese nach dem aktuellen Wissensstand nicht dauerhaft bestehen.»

Eine Erklärung für die Ursachen der Post-Covid-Patienten gibt es derzeit noch nicht, auch wenn Thesen etwa zu Fehlregulationen der Gefäße diskutiert werden. Mediziner Baum aus Leipzig rechnet nicht damit, dass es einen einzigen Erklärungsansatz geben wird, dafür seien unter dem Begriff zu viele Symptome zusammengefasst.

Sicher ist angesichts der momentanen Corona-Zahlen hingegen, dass es eine weitere Welle von Post-Covid-Erkrankten in einigen Monaten geben wird. Dabei reiche die Kapazität schon jetzt bei weitem nicht aus, sagt Baum. «Wünschenswert wäre diesbezüglich eine finanzielle Unterstützung durch die Krankenkassen», so der Mediziner.

© dpa-infocom GmbH

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