Deutscher Wetterdienst: Vorhersagen waren frühzeitig

28.01.2022 Im Untersuchungsausschuss zur Flutkatastrophe mit 135 Toten sprechen sechs Vertreter des Deutschen Wetterdiensts über Warnungen. Sie sind erschüttert über die Folgen des für sie vorhersehbaren Unwetters.

Die Ahrtalschleife bei Altenahr nach der Flut. Foto: Thomas Frey/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat nach Einschätzung mehrerer Vertreter rechtzeitig vor einem Unwetter mit extremen Niederschlägen an der Ahr gewarnt. Der DWD habe «sehr frühzeitig erste Hinweise» gegeben, sagte der Präsident der Bundesbehörde, Gerhard Adrian, am Freitag vor dem Untersuchungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags in Mainz.

Schon am 11. Juli habe es eine erste Vorabinformation über ein größeres Niederschlagsgebiet gegeben. Am Vormittag des 13. Juli sei eine extreme Unwetterwarnung herausgegeben worden. «Davon geben wir pro Jahr nur ganz wenige heraus», sagte Adrian.

Renate Hagedorn, DWD-Vorstandsmitglied, zuständig für den Bereich Wettervorhersagen, sagte: «Wir haben rechtzeitig gewarnt und waren erschüttert, was tatsächlich passiert ist.»

«Ich bin überzeugt, dass der Wetterdienst nach dem Stand von Wissenschaft und Technik gearbeitet hat und auch unsere Produkte so rausgegangen sind», sagte Adrian. Für die Bewertung, was mit dem Wasser am Boden passiere, habe der DWD aber keine Kompetenz.

«Am Mittwochmorgen gingen alle davon aus, dass es in einzelnen Regionen an einzelnen Flüssen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zu extremen Ereignissen kommen wird», sagte der für Beratungs- und Warndienste zuständigen Abteilungsleiter beim DWD, Thomas Kratzsch.

Zur Unwetterkatastrophe mit insgesamt 135 Toten im nördlichen Rheinland-Pfalz kam es in der Nacht von Mittwoch (14. Juli) auf Donnerstag. Davon starben 134 Menschen im Ahrtal. Hunderte Menschen wurden bei der Sturzflut verletzt und Teile des Tals verwüstet. Auch ein halbes Jahr später leben noch zahlreiche Menschen in Ausweichquartieren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den damaligen Landrat Jürgen Pföhler, weil er womöglich zu spät vor der Gefahr gewarnt hat. Der CDU-Politiker war im Oktober auf eigenen Antrag wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzt worden.

Eine DWD-Unwetterwarnung vor extrem ergiebigem Dauerregen - wie für Ahrweiler vom Dienstagmorgen - in der höchsten Stufe 4 sei extrem selten und seines Wissens nach nur eine von zwei im gesamten Jahr 2021 für Deutschland gewesen, sagte Kratzsch. Die andere aus dem Februar habe sich auf Schnee und Glatteis bezogen.

Der Beratungsbedarf von Kommunen und Einsatzkräften war nach Einschätzung des Leiters der Vorhersage- und Beratungszentrale des DWD aber recht gering. «Es ist relativ ruhig gewesen bei der Wetterlage», sagte Franz-Josef Molé. «Das war ein Zeichen für mich, dass alle ihre Arbeit machen.»

Er sei davon ausgegangen, dass sie Vorkehrungen treffen, denn der DWD habe alle Kommunikationswege genutzt, auch das bundeseigene Warnsystem MoWaS. «Das machen wir sehr selten», betonte Molé. «Es war sicher, dass der Großraum Eifel betroffen ist.» Bei so einer Voraussage sei klar, dass sie ernst zu nehmen sei.

Nach Einschätzung von Wasserbauingenieur Boris Lehmann stand am Nachmittag vor dem zerstörerischen Hochwasser fest, dass man es mit einer Katastrophe zu tun hatte. Die Flutkatastrophe sei aber «auf keinen Fall» schon 24 Stunden oder noch länger im Vorfeld absehbar gewesen. Die Gewissheit, dass es zu einer Flutkatastrophe komme, könne nicht allein von Regenmengen abgeleitet werden, sagte der Professor der Technischen Universität Darmstadt.

«Ab dem Moment, in dem klar war, dass Hochwasserschutzmaßnahmen versagen», also am Mittwochnachmittag, gehe die Verantwortlichkeit an die Zuständigen vor Ort, sagte der Sachverständige Lehmann. «Die Schlussfolgerung, dass es zu einer nie da gewesenen Flut kommt, ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch von der Kreisverwaltung gezogen worden.»

Nach Einschätzung des Abteilungsleiters des Landesamts für Umwelt (LfU), Thomas Bettmann, war spätestens um 17.17 Uhr klar, «dass etwas ganz Großes kommt». Dann sei klar gewesen, dass die Wasserstände höher sein würden als bei bisherigen Hochwassern. Zu diesem Zeitpunkt habe seine Behörde auch eine Frühwarnung der höchsten Stufe ausgelöst.

Bereits um 15.26 Uhr sei ein Wasserstand von mehr als fünf Metern prognostiziert worden, «ein Wasserstand, der Handlungen nach sich ziehen würde», sagte Bettmann. Allerdings sei die Prognose gegen 19.00 Uhr in den Modellen zunächst wieder gesenkt worden.

An die Kreisverwaltung habe das LfU regelmäßig Info-Mails geschickt mit den Messwerten und 24-Stunden-Prognosen - insgesamt wohl 17, berichtete Bettmann. Es habe auch Meldungen im Internet und über die Warn-App Katwarn gegeben. Die Präsidentin seiner Behörde, Sabine Riewenherm, habe er kontinuierlich informiert, und diese habe die Kommunikation mit dem Umweltministerium übernommen. Der Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft im Umweltministerium, Andreas Christ, sagte; «Man steht während der ganzen Zeit automatisch in sehr intensiven Kontakt mit dem Hochwassermeldezentrum» im LfU.

Er habe auch mehrere Telefonate mit der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd und später auch mit der Aufsichts- und Dienstleistungsbehörde ADD geführt, die ihm versichert habe, die lokalen Einsatzkräfte vor Ort seien anwesend, sagte Bettmann. Er habe an dem Abend und in der Nacht auch viermal mit der parteilosen Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr, Cornelia Weigand, telefoniert. «Darüber hinaus sind keine Unterstützungsleistungen abgefragt worden.»

Um 22.00 Uhr - kurz nachdem der Pegel Altenahr weggeschwommen war - habe Weigand in einem der Telefongespräche den Wasserstand vor Ort auf etwa sechs Meter geschätzt. «Sie berichtete auch von vorbeischwimmenden Autos und mehr.» Die Ohnmacht vor diesem Ereignis sei in dem Telefonat spürbar gewesen. In diesem Gespräch habe Weigand seines Wissens nach auch von einem nicht mehr erreichbaren Haus gesprochen, in dem vier Menschen eingeschlossen waren, sagte Christ. «Das war für mich der Punkt, wo dieses Hochwasserereignis zur Katastrophe wurde.»

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