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Weniger ist mehr - Minimalismus in Zeiten der Klimakrise

Spannungsfeld Konsum und Klimakrise: Die meisten Menschen verorten sich wohl irgendwo zwischen Wegwerfgesellschaft und Minimalismus - einige aber kommen mit ganz wenigen wesentlichen Dingen aus.
Minimalismus
Wird Minimalismus zum führenden Lebensstil der Zukunft? © Annette Riedl/dpa

Einige wenige Möbel im Wohnzimmer, die Ablageflächen frei und im Kleiderschrank nur ein paar Klamotten: Wer sich auf Instagram umsieht, findet zahlreiche Accounts von Minimalistinnen und - seltener - Minimalisten, die ihren Lebensstil präsentieren und Inspirationen zum Aussortieren geben.

Weniger ist mehr, lautet auch das Credo der Ausmist-Challenges, die Followerinnen und Follower dazu animieren, Fotos von Dingen zu posten, von denen sie sich (endlich) trennen konnten. Das Ergebnis reicht von einem Berg an Klamotten über alte Koffer, Fahrräder und Bücher bis hin zu noch nie gemochten Geschenken, überflüssigen Küchenutensilien und staubigem Krimskrams.

Umweltphilosoph Jürgen Manemann hält diese Herangehensweise für eine gute Idee, um Menschen mit Minimalismus in Kontakt zu bringen. «Minimalismus hier und da als Spiel zu gestalten - warum nicht?», sagt der Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover.

Der Zwang zum Konsumieren

Das Phänomen Minimalismus an sich ist für ihn aber mehr als nur Spielerei - mit Blick auf die Klimakrise habe es durchaus Potenzial. «Wenn uns der Planet Erde und seine Lebewesen nicht egal sind, dann kommen wir nicht umhin, Perspektiven und Visionen zu entwickeln, die das 'Immer mehr' hinter sich lassen - denn jedes Wachstum verbraucht endliche Ressourcen», betont Manemann.

Es geht um die Erkenntnis, dass es genug ist, vielleicht sogar schon zu viel - besungen etwa von Silbermond im Song «Leichtes Gepäck»: «Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nich' brauchst.» Die Konsequenz daraus ist nicht einfach umzusetzen. «Genügsamkeit zu leben, ist für uns alle eine große Herausforderung. Wir haben die Überflussgesellschaft derart verinnerlicht, dass wir einem regelrechten Zwang zum Konsumieren unterliegen», sagt Manemann, der Minimalismus aus philosophischer Perspektive erforscht.

Minimalismus und Nachhaltigkeit

Adrienne Steffen und Susanne Doppler forschen gemeinsam am Phänomen Minimalismus. «Auch wenn es nicht immer die Motivation ist, könnte Minimalismus einen großen Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit leisten», sagt Doppler, Professorin für Eventmanagement und Tourismus an der Hochschule Fresenius Heidelberg. «Bewusster konsumieren, weniger und hochwertigere Kleidung und Nahrung kaufen. Weniger entsorgen, öfter reparieren, weniger kaufen.»

Aber: «Solange Materialismus der gesamtgesellschaftliche Konsens ist, wird Minimalismus das Klima nicht retten», betont Steffen, Professorin für BWL an der Internationalen Hochschule in Erfurt. «Es gibt bei vielen immer noch eine große Kluft zwischen Intention und tatsächlichem Verhalten. Wenn ich jede Woche ein neues nachhaltig produziertes T-Shirt kaufe, kann ich das vielleicht mit meinem Gewissen vereinbaren, aber dem Klima wird es nicht helfen.»

Wachstum vs. Genügsamkeit

So spaßig Ausmist-Challenges im Netz sein mögen und so befreiend sich eine klare Struktur in der Wohnung anfühlen mag - bleibt Minimalismus ein Privatvergnügen, wird aus Sicht von Umweltphilosoph Manemann wertvolles Potenzial verspielt. «Wir brauchen Minimalismus nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen: Das politische Gebot der Stunde lautet nicht Wachstum, sondern Genügsamkeit, Suffizienz.»

Konkret fordert Manemann: «Minimalisten sollten sich produktiv politisieren. Wenn Minimalismus im Privaten bleibt, wird er keine Zukunft haben, seine Energien werden verpuffen, schlimmstenfalls stabilisiert er sogar noch die bestehenden Verhältnisse.»

Aus Sicht des Umweltphilosophen sollten Minimalisten und Klimaaktivisten ihre Schnittmengen erkennen und sich zusammentun. «Sie könnten voneinander lernen und gemeinsam viel bewegen. Denken wir nur an Fragen wie: Wie lebe ich Klimagerechtigkeit im Alltag? Wie motiviere und inspiriere ich Menschen zur Veränderung in einer Situation, in der das Überleben auf dem Spiel steht?»

Wenn es nur um die Botschaft 'Vereinfache dein Leben' gehe und die soziale Komponente des Netzwerkens fehle, bestehe die Gefahr, dass Minimalismus zu einem Lifestyle verkomme, zu einem neoliberalen Projekt, befürchtet der Umweltphilosoph.

Minimalistin und Aktivistin Jasmin Mittag schreibt auf ihrer Webseite: «Ich sehe Minimalismus als führenden Lebensstil der Zukunft. Er regt an, soziale Verantwortung zu übernehmen und das eigene Leben nach den Werten zu gestalten, die für einen bedeutsam sind.» In ihrem «Minimalismus Manifest» wird es durchaus politisch: «Die kapitalistische Wirtschaft schafft zunehmend eine Atmosphäre der Übersättigung. Das führt dazu, dass wir in einer Wegwerfgesellschaft leben. Mit den Ressourcen wird nicht sorgsam umgegangen. Zu häufig ist uns gar nicht bewusst, dass wir nur deshalb auf diesem Niveau leben können, weil wir in einem System der Ausbeutung leben.»

Im Minimalismus sei Nachhaltigkeit zwar keine zentrale Kategorie, sagt Umweltphilosoph Manemann. In der Konsequenz führe er jedoch zu einem nachhaltigen Lebensstil.

© dpa ⁄ Christine Cornelius, dpa
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