Weinstein-Prozess geht auf Urteil zu

Erneut steht Harvey Weinstein wegen sexueller Übergriffe vor Gericht. Der Prozess mit drastischen Details ist abgeschlossen, jetzt beraten die Geschworenen. Wie lange das dauert, ist ungewiss.
Harvey Weinstein verlässt ein Gerichtsgebäude in New York. © John Minchillo/AP/dpa

Nach einem wochenlangen Gerichtsdrama mit über 40 Zeugenaussagen liegt das Schicksal von Harvey Weinstein nun in der Hand der Jury. In dem Prozess gegen den früheren Filmproduzenten wegen sexueller Übergriffe haben sich die zwölf Geschworenen gestern Nachmittag (Ortszeit) in Los Angeles zu Beratungen über das Urteil zurückgezogen. Eine schnelle Entscheidung gab es nicht. Am Montag sollten sie zur Urteilsfindung wieder zusammentreffen.

Die Jury muss über sieben Anklagepunkte, darunter Vergewaltigung und andere sexuelle Übergriffe, entscheiden. Es geht um Vorwürfe von vier Frauen in einem Zeitraum von 2004 bis 2013. Die meisten Übergriffe sollen in Hotels in Beverly Hills stattgefunden haben. Im Falle eines Schuldspruchs in allen Punkten droht dem 70-Jährigen eine jahrzehntelange Haftstrafe.

Staatsanwältin: «Degenerierter Vergewaltiger»

In ihren Abschlussplädoyers hatten Verteidigung und Anklage noch einmal drastische Worte benutzt. Staatsanwältin Marlene Martinez bezeichnete Weinstein zum Ende des Prozesses als «degenerierten Vergewaltiger», wie im Gericht anwesende Journalisten berichteten. Er habe seine Macht dazu benutzt, Frauen nachzustellen und wie ein Raubtier zu handeln. Sein Hotelzimmer sei für die Frauen zur Falle geworden. Martinez unterstrich ihre Worte vor der Jury, indem sie dazu das Bild eines Wolfs zeigte.

Die Verteidigung argumentierte, dass sexuelle Handlungen einvernehmlich waren oder dass einige der vorgebrachten Vorwürfe von den Frauen frei erfunden waren. Weinstein-Anwalt Mark Werksman hatte schon zum Auftakt des Prozesses im Oktober gegen die Klägerinnen ausgeholt. Sie würden lügen, Begegnungen erfinden oder sie nun unter dem Eindruck der #MeToo-Bewegung völlig anders darstellen. Die Frauen hätten damals mit seinem Mandanten einvernehmlich Sex gehabt, um in Hollywood weiterzukommen, sagte Werksman. Das sei in der Branche so üblich gewesen. Das sei die «Casting-Couch» gewesen, mit Sex als Ware, führte der Anwalt nach Angaben der Reporter im Gericht aus.

Teils unter Tränen hatten die vier Klägerinnen und weitere Zeuginnen den mutmaßlichen Missbrauch beschrieben. Sie berichteten von erzwungenem Oralverkehr, Vergewaltigung und anderen gewaltsamen Übergriffen. Dabei wurden intime Details und Auffälligkeiten von Weinsteins angeblich deformierten Genitalien angesprochen.

Frau von Kaliforniens Gouverneur unter Zeuginnen

Auch Jennifer Siebel, die Ehefrau des kalifornischen Gouverneurs Gavin Newsom, war in den Zeugenstand getreten. Sie beschrieb eine Begegnung mit Weinstein im Jahr 2005 in einem Hotel. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch nicht verheiratet. Als angehende Schauspielerin und Produzentin habe sie über berufliche Projekte sprechen wollen. Ihrer Aussage zufolge wurde Weinstein übergriffig, zerrte sie auf ein Bett und vergewaltigte sie. Sie habe dabei geweint, gezittert und versucht, ihn abzuwehren, sagte Siebel.

Erst später lernte sie Gavin Newsom kennen, den sie 2008 heiratete. Der Demokrat ist seit 2019 Gouverneur von Kalifornien. Siebel, die in dem Prozess als Klägerin Jane Doe #4 geführt wurde, hatte vorab ihre Identität enthüllt.

Jane Doe #1 hatte im Zeugenstand erklärt, sie sei im Februar 2013 für ein Filmfestival aus Rom nach Hollywood gereist. Weinstein sei unter dem Vorwand, reden zu wollen, in ihr Hotelzimmer gekommen. Er habe sie dort zum Oralverkehr gezwungen, erzählte sie schluchzend.

Erster Prozess maßgeblich für #MeToo-Bewegung

Mit dem Verfahren in Kalifornien stand Weinstein ein weiteres Mal wegen sexueller Übergriffe vor Gericht. Ein Prozess in New York wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung endete 2020 mit einem Schuldspruch und einer Haftstrafe von 23 Jahren. Die Jury glaubte den Zeugenaussagen mehrerer Frauen entgegen Weinsteins Unschuldsbeteuerungen. Sein Anwaltsteam hat aber kürzlich Berufung gegen das Urteil eingelegt. Eine Entscheidung darüber steht noch aus.

Der Prozess in New York markierte einen Meilenstein der Rechtsgeschichte. Der Fall hatte damals die #MeToo-Bewegung maßgeblich mit ausgelöst.

Weinstein, der Filme wie «Pulp Fiction» oder «Gangs of New York» produzierte und als Produzent von «Shakespeare in Love» selbst einen Oscar gewann, war im Sommer 2021 aus seiner New Yorker Zelle ins «Twin Towers»-Gefängnis nach Los Angeles verlegt worden. Im Falle eines Schuldspruchs vor dem kalifornischen Gericht droht eine lange Haftstrafe.

© dpa
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