Bewegender Trauergottesdienst für Opfer der Zugattacke

In Neumünster gedenken Hunderte Menschen der Opfer des tödlichen Messerangriffs in einem Regionalzug. Unterdessen wird bekannt, dass sich der mutmaßliche Angreifer mit Anis Amri verglichen haben soll.
Bundeskanzler Olaf Scholz (l) und Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher nehmen am Trauergottesdienst teil. © Marcus Brandt/dpa-Pool/dpa

Es sind nur wenige Fußminuten zwischen der Kirche mit Hunderten Trauernden und dem Gefängnis, in dem in Neumünster der mutmaßliche Täter sitzt. Der 33-Jährige soll am 25. Januar in einem Regionalzug zwischen Kiel und Hamburg zwei junge Menschen getötet und fünf weitere zum Teil lebensgefährlich verletzt haben. Elf Tage später trauern über 300 Freunde, Helfer, Kirchenvertreter und Politiker bei einem ökumenischen Gottesdienst um die Opfer.

In der Vicelinkirche sitzen am Sonntagnachmittag mit sehr ernsten Mienen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Ministerpräsident Daniel Günther (CDU), Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und zahlreiche weitere Spitzenpolitiker aus beiden Ländern in «stillem Gedenken».

Die große Anteilnahme macht Mut

In Neumünster hatten die beiden Getöteten, eine 17-Jährige und ein 19 Jahre alter junger Mann, die Berufsschule besucht. Sie waren seit kurzem ein Paar. Der mutmaßliche Täter, Ibrahim A., ein mehrfach kriminell in Erscheinung getretener Palästinenser, sitzt nach der Tat im Zug bei Brokstedt (Kreis Steinburg) in Untersuchungshaft wegen zweifachen Mordes und versuchten Totschlags in vier Fällen. Er war erst wenige Tage vor der tödlichen Messerattacke aus einer Untersuchungshaft entlassen worden, die er in Hamburg wegen einer anderen Straftat abgesessen hatte.

Zu dem Gottesdienst hatten die Katholische Kirche und die Evangelisch-Lutherische Kirche gemeinsam eingeladen. «Was bei Brokstedt geschehen ist, überfordert und übersteigt unsere Vorstellung», sagte Erzbischof Stefan Heße. «So ein Gottesdienst macht nichts ungeschehen. Die Seelen von vielen Menschen werden noch lange wund sein.» Die große Anteilnahme sei überwältigend und mache Mut, sagte Heße.

In der schlichten Kirche brennen an diesem Sonntag zehn große Kerzen. Einsatzkräfte von Hilfsorganisationen waren gekommen, Bekannte und Freunde von Opfern, Bahnmitarbeiter, auch Konzernchef Richard Lutz. Ebenfalls mit dabei war ein junger Mann, der sich nach eigenen Aussagen im Zug dem Angreifer widersetzte, wobei der Täter das Messer verloren habe. Danach konnte er überwältigt werden. Regierungschef Günther und Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) sprachen mit ihm.

Eine Frau und ein Mann störten zweimal kurz den Gottesdienst, indem sie den Spitzenpolitikern und anderen Gästen Zettel mit anklagenden Äußerungen entgegenhielten. Auch vor der Kirche waren einige Protestplakate zu sehen.

Die getötete 17-Jährige war in Elmshorn Ministrantin. Deren kleines Kreuz, das sie oft in der Kirche dabei hatte, brachten andere Messdienerinnen und Messdiener von dort nach Neumünster und banden es dort an ein großes Kreuz.

«Man muss das Unbegreifliche aushalten»

«Schreckliches ist geschehen, eine sinnlose Gewalttat in einem Zug, die viele Opfer gefordert hat», sagte der Bischof der Evangelischen Kirche im Sprengel Schleswig und Holstein, Gothart Magaard. Die Menschen im ganzen Land seien erschüttert. Dass es mitten im Leben lebensgefährliche Gewalt und Tod gebe, sei schwer zu ertragen und mache wütend. Man müsse das Unbegreifliche aushalten. «Das Vertrauen in eine sichere Alltagswelt hat Risse bekommen, und deshalb ist es wichtig und gut, dass wir heute hier zusammen sind», sagte Magaard. «Lasst uns gemeinsam dafür einstehen, dass Liebe und Hoffnung stärker sind als Hass und Gewalt.»

Auch die Landesbischöfin der Nordkirche, Kristina Kühnbaum-Schmidt, betete während der Gedenkfeier für die Opfer und Angehörigen. Die Menschen seien «erschrocken und fassungslos, voller Schmerz», auch suchend, zweifelnd und fragend. Für die muslimische Religionsgemeinschaft Schura sprach die stellvertretende Landesvorsitzende, Şeyda Sarıçam, ein Friedensgebet.

Ibrahim A. vergleicht sich mit Anis Amri

Fast zeitgleich mit dem Gottesdienst wurden neue Erkenntnisse über Ibrahim A. bekannt. Er soll sich wenige Monate vor seiner Entlassung aus dem Hamburger Gefängnis mit dem Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, Anis Amri, verglichen haben. «Es gibt nicht nur einen Anis Amri, es gibt mehrere, ich bin auch einer», habe er zu Bediensteten gesagt, wie die Justizbehörde auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag mitteilte. Die Äußerung vom August 2022 sei in einem sogenannten Wahrnehmungsbogen in der Gefangenenpersonalakte festgehalten worden.

Zudem gehe daraus hervor, dass Ibrahim A. am 6. August 2022 bei der Vorbereitung für die Freistunde auf dem Hof nach Wahrnehmung eines Bediensteten «vor sich hinstammelte»: «Großes Auto, Berlin, das ist die Wahrheit». Gegenüber einem weiteren Bediensteten äußerte er den Angaben zufolge auf dem Weg zum Hof zwei Mal, ob dieser auch «unter die Reifen» wolle.

Ibrahim A. fiel nach Angabe der Behörde während seiner Untersuchungshaft wiederholt als verbal aggressiv und unangemessen auf. Er versuchte demnach auch, seinen Forderungen mit Beschimpfungen Nachdruck zu verleihen. Abgesehen vom Vorfall vom 6. August 2022 seien jedoch keinerlei Äußerungen dokumentiert, die einen extremistischen Bezug nahelegen könnten. Auch sein übriges Vollzugsverhalten sei insoweit unauffällig gewesen. Auch das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz, habe nach der Tat bestätigte, dass Ibrahim A. nicht als extremistisch bekannt ist.

Kritik an Kommunikation der Behörden

Die Hamburger Justizbehörde hat nach eigenen Angaben der Staatsanwaltschaft Itzehoe am 3. Februar eine Kopie der Gefangenenpersonalakte übergeben.

Die Aufarbeitung des Verbrechens wird begleitet von massiver Kritik an der Kommunikation zwischen Behörden in Hamburg, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, wo der mutmaßliche Täter nach seiner Ersteinreise 2014 jahrelang gelebt hatte, sowie dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Zum Informationsfluss zwischen der Hamburger Justizbehörde und der Ausländerbehörde in Kiel, wo der Mann zeitweise lebte, gibt es divergierende Aussagen der Beteiligten. Auch die Debatte über politische Konsequenzen - zum Beispiel konsequentere Abschiebungen von Mehrfachtätern - läuft auf Hochtouren. In Neumünster hingegen dominiert an diesem Sonntag die Stille.

© dpa ⁄ Wolfgang Schmidt, dpa
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