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Deutlich spürbare Grippewelle droht

Die Warnsignale sind da: Im Winter könnte laut Fachleuten eine deutlich spürbare Grippewelle kommen. Auch wenn die Impfung die Infektion nicht immer verhindern könne, sei sie keineswegs überflüssig.
Grippeimpfung
Im Zeitfenster von Oktober bis Mitte Dezember wird gefährdeten Gruppen zur Grippeschutzimpfung geraten. © Stephan Jansen/dpa

Influenzaviren konnten während der Sars-CoV-2-Pandemie fast in Vergessenheit geraten: Grippewellen im klassischen Sinn fielen wegen der in vielen Ländern verhängten Corona-Maßnahmen aus oder verliefen anders als gewohnt. Nun sind Maske, Abstand und Vorsicht für die meisten Menschen Geschichte. Auch die Grippe könnte da wieder leichteres Spiel haben. «Vielen Kindern und Erwachsenen fehlt die Immunität durch vorherige Infektionen in den Pandemie-Jahren», sagt Folke Brinkmann, die die Sektion Pädiatrische Pneumologie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein leitet.

Höhepunkt der Grippewelle meist nach dem Jahreswechsel

In rund zwei Wochen beginnt die Grippesaison - im Zeitfenster von Oktober bis Mitte Dezember raten Fachleute gefährdeten Gruppen wie ab 60-Jährigen zur Grippeschutzimpfung. Rund 18,8 Millionen Impfstoffdosen sind nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts bislang freigegeben. Ihren Höhepunkt erreicht die Grippewelle meist erst nach dem Jahreswechsel. Als Warnsignal werten mehrere Experten den Verlauf der Grippesaison im australischen Winter. Diese gilt manchen als Marker für das bevorstehende Geschehen in Europa. Generell lassen sich der Verlauf und die Schwere der Welle nicht vorhersagen.

Australiens Zahlen deuteten darauf hin, dass auch hier mit einer zumindest deutlich spürbaren Welle zu rechnen sei, sagte Markus Beier, Vorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, in Berlin. Er appellierte an die Gruppen, die unter die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) fallen, die Impfung zu nutzen, um «möglichst schadlos» durch den Winter zu kommen.

Anhaltspunkte aus anderen Ländern

In Australien gab es Beier zufolge in Teilen eine Impfmüdigkeit, und Anzeichen dafür gebe es auch hier. In Beratungen zeige sich teils ein gewisses Misstrauen nach der Diskussion um Corona-Impfstoffe, aber auch der Wunsch nach Normalität nach der Pandemie. Es gehe den Hausärzten nun nicht um Alarmismus, sagte Beier. «Es ist einfach so, dass die steigende Anzahl der Fälle einfach das ambulante System an sein Limit bringen wird und dann irgendwann auch das stationäre System.»

Unterschätzte Krankheit

Laut Robert Koch-Institut (RKI) stecken sich während einer Welle je nach Stärke schätzungsweise 5 bis 20 Prozent der Bevölkerung an, also bis zu 16 Millionen Menschen. Wie bei Corona zeigt die Statistik lediglich laborbestätigte Fälle. Aus Sicht von Experten nutzen die Deutschen daher die Grippeschutzimpfung bisher viel zu wenig. Bei Älteren werden 75 Prozent Geimpfte angestrebt, tatsächlich ließ sich in der Saison 2020/21 bei den ab 60-Jährigen jedoch weniger als jeder Zweite gegen Grippe impfen.

Der Begriff Grippe wird umgangssprachlich auch manchmal leichtfertig bei harmlosen Beschwerden wie Unwohlsein und Schnupfen verwendet, die durch ganz andere Erreger hervorgerufen werden. Die echte Influenza hat jedoch ernstere Konsequenzen, bei manchen Patienten kommt es zu Komplikationen. Bei der heftigsten Grippewelle seit Jahrzehnten in Deutschland in der Saison 2017/18 starben nach Schätzungen etwa 25.000 Menschen. Die Schwere der Wellen kann von Saison zu Saison ganz unterschiedlich ausfallen.

Was die Grippeschutzimpfung kann - und was nicht

Die Impfung sei die wichtigste Maßnahme gegen die Erkrankung, auch wenn sie keinen hundertprozentigen Schutz vor einer Infektion biete, schreibt das RKI. Das unterstreicht Nicola Buhlinger-Göpfarte, erste stellvertretende Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes: Man dürfe den Menschen nicht das falsche Versprechen geben, dass sie dank Impfung nicht krank würden. Vielmehr müsse man Patienten erklären, dass die Immunisierung Schlimmeres verhindert habe: «Sie sind nicht auf der Intensivstation gelandet. Sie hatten keine Pneunomie.» Fachleute betonten zudem den Nutzen der Impfung zum Vermeiden von Grippe-Folgeerkrankungen des Herzens.

Australiens Grippewelle betraf viele Kinder

In Australien sticht insbesondere ins Auge, dass Kinder und Jugendliche häufig betroffen waren. Viele hatten so schwere Symptome, dass sie auf die Intensivstation kamen, wie der australische «Guardian» im Juli berichtete. Sowohl in Australien als auch in Neuseeland setzte die Grippewelle außerdem viel früher ein als gewöhnlich. Experten sind überzeugt, dass vor allem die Aufhebung der strengen Corona-Maßnahmen die Grippewelle beflügelte.

«Kinder sind zum Glück nur selten schwer betroffen, aber bei sehr hohen Infektionszahlen erkranken natürlich anteilig auch mehr Kinder und auch mehr Kinder schwer», erklärt Brinkmann. Kinder unter fünf Jahren und vorerkrankte Kinder hätten am häufigsten schwere Verläufe. Selten könnten aber auch gesunde Kinder schwer erkranken.

Der kommende Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Florian Hoffmann, hält sich wegen der vielen Unwägbarkeiten mit Prognosen für Deutschland zurück - die Entwicklung in Australien müsse aber ernstgenommen werden. Er mahnte dringend zeitnahe Impfungen der Risikogruppen und aller Beschäftigten im Gesundheitswesen an. «Dies ist die einzige Möglichkeit, den Verlauf dieser Welle abzumildern», sagte der Oberarzt im Dr. von Haunerschen Kinderspital in München.

Wem die Grippeschutzimpfung empfohlen wird

Die Stiko rät nicht allen Bundesbürgern zu der jährlich nötigen Impfung. Nur Menschen ab 60, Schwangeren sowie Kindern (ab sechs Monaten) und Erwachsenen mit bestimmten Vorerkrankungen. Außerdem etwa Gesunden mit höherem Risiko durch ihren Job, etwa Ärztinnen und Ärzten und Pflegekräften. Verwendet werden sollen Vierfachimpfstoffe mit aktueller, von der WHO empfohlener Antigenkombination. Diese ändert sich jedes Jahr, weil Grippeviren sehr wandlungsfähig sind. Für Ältere sollen besser wirksame Hochdosis-Impfstoffe genutzt werden. Bei den Gruppen gibt es Überschneidungen zur Stiko-Empfehlung für die neue angepasste Corona-Auffrischimpfung. Wer möchte, kann sich beide Vakzine daher gleichzeitig geben lassen.

RKI will hinterher Bilanz ziehen

Das RKI will wie üblich erst im Nachhinein die Schwere der Welle beurteilen. Es betont, dass sich zum Beispiel von einem schweren Verlauf in einem Staat nicht auf einen ähnlichen Verlauf in einem anderen Staat schließen lasse. Die Schwere hänge wesentlich von der Grundimmunität in der Bevölkerung und den jeweils in den Vorjahren verbreiteten Subtypen ab.

In Deutschland werden gegen Grippe meist sogenannte Totimpfstoffe verwendet, die die Krankheit nicht auslösen können. Möglich sind aber Impfreaktionen mit erkältungsähnlichen Symptomen. Eine echte Grippe setzt typischerweise plötzlich ein: mit zum Beispiel hohem Fieber, schmerzenden Muskeln, Kopfschmerzen, ausgeprägtem Krankheitsgefühl. Hinzu kommt in der Regel trockener Reizhusten.

© dpa ⁄ Gisela Gross, dpa
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