Prinz Andrew kauft sich frei - doch sein Ruf ist dahin

16.02.2022 Ein paar Millionen für Ruhe und Frieden? Mit einer beträchtlichen Summe will Prinz Andrew die Missbrauchsvorwürfe gegen ihn ein für alle mal aus der Welt schaffen. Ob das gelingen kann, ist offen.

Prinz Andrew hat sich auf einen Deal eingelassen. © Steve Parsons/Pool PA/AP/dpa

Es ist ein hoher Preis, den der britische Prinz Andrew für seine Ruhe zahlt. Glaubt man in royalen Kreisen gut vernetzen Blättern wie dem «Telegraph», sollen um die zwölf Millionen Pfund an jene Frau und ihre Organisationen fließen, die dem Royal vorwarf, sie mehrfach als Minderjährige missbraucht zu haben.

Die US-Amerikanerin Virginia Giuffre gibt an, Opfer eines maßgeblich von dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein aufgebauten Missbrauchsrings geworden und dabei auch an den Queen-Sohn vermittelt worden zu sein. Selbst wenn es, wie einige andere Medien berichten, ein paar Millionen weniger sind: Der Prinz entgeht so einem Prozess und befreit sich mit Geld vorerst aus dem Missbrauchsskandal. Doch sein Image ist dahin.

Eine Katastrophe für die Royal Family

Ein guter Ruf lässt sich mit Geld nicht kaufen, wie sich auf den Titelseiten der britischen Zeitungen am Mittwoch eindrucksvoll ablesen lässt. Von «endgültiger Demütigung» ist in der «Daily Mail» die Rede, während die «Sun» auf ihrer Titelseite von «Schande» schreibt. Es dürfte noch etwas dauern, bis jene Ruhe einkehrt, für die Andrew sich auf den teuren Vergleich mit Giuffre eingelassen hat.

Keine Frage: Die Abrechnung der britischen Presse mit ihrem Skandalprinzen ist verheerend für die Royal Family - doch die Schlagzeilen, die Andrew im Fall eines Prozesses erwartet hätten, wären wohl noch um ein Vielfaches desaströser gewesen. Schon in einem BBC-Interview bewies Andrew 2019, dass er in einer gezielten Befragung zu den Vorwürfen keine souveräne Figur abgibt.

Wie soll Prinz Andrew das alles bezahlen?

Als Teil der Einigung verpflichtet Andrew sich neben Zahlungen an Giuffre auch dazu, deren Wohltätigkeitsorganisation für Opfer von Missbrauch zu unterstützen. In Großbritannien wird nun wild gemutmaßt, wie der 61-Jährige das alles bezahlen will. «Weil Prinz Andrew kein wohlhabender Mann ist, wird jeder Steuerzahler im Land danach fragen», fasst der Biograf Nigel Cawthorne die Spekulationen im Sky-News-Interview zusammen. «Wir wollen alle wissen: Greift Mutter tief in ihre Tasche?»

Der «Telegraph» berichtet unter Berufung auf seine Quellen, es solle Geld von Queen Elizabeth II. aus deren Duchy of Lancaster-Anwesen in die Zahlungen fließen. Vom Buckingham-Palast gibt es dazu keinen Kommentar. Aus der Sicht des Medienrechts-Experten Mark Stephens ein Fehler: «Andrew muss klarmachen, dass kein öffentliches Geld fließt, denn sonst ist das Ansehen der Royal Family insgesamt gefährdet», sagt er im Gespräch mit der BBC.

Andrew selbst mag dem höchst unangenehmen Prozess aus dem Weg gegangen sein, doch das britische Volk hat sich längst seine Meinung gebildet. «Obwohl er nie vor Gericht für schuldig befunden wurde, besteht kein Zweifel daran, dass der zweifache Vater vor dem Gericht der öffentlichen Meinung für schuldig befunden wurde», schreibt die «Telegraph»-Kommentatorin Camilla Tominey.

Der Vergleich als Schuldeingeständnis

Der «Daily Express» titelt: «Es gibt keinen Weg zurück». Der Palast hat sich bereits stark von dem zweitältesten Sohn von Queen Elizabeth II. distanziert und ihm militärische Dienstgrade und Schirmherrschaften entzogen. Auch bei den Feiern zum 70-jährigen Thronjubiläum der Queen soll Andrew weitgehend außen vor bleiben. Eine Zukunft als sichtbares Mitglied der Windsors mit öffentlichen Aufgaben scheint unvorstellbar - zumal genügend Beobachter die Tatsache, dass Andrew sich auf den wohl millionenschweren Vergleich eingelassen hat, als Schuldeingeständnis werten.

Die Anwältin Lisa Bloom, die acht Opfer des verurteilten und mittlerweile nicht mehr lebenden Sexualstraftäters Jeffrey Epstein vertritt, bezeichnete den Vergleich daher als «Sieg» und zollte der Klägerin, die ursprünglich ihren «Tag im Gericht» haben wollte, Respekt: «Sie hat geschafft, was niemand anderes geschafft hat: dass Prinz Andrew mit seinem Unsinn aufhört und sich auf die Seite von Missbrauchsopfern stellt», twitterte Bloom.

In dem Gerichtsdokument bedauert Andrew klar und deutlich seine unrühmliche Freundschaft zu Epstein. «Prinz Andrew bedauert seine Verbindung mit (Jeffrey) Epstein und lobt den Mut von Frau Giuffre und anderen Überlebenden, sich für sich selbst und andere einzusetzen», heißt es. Da Andrew diese Freundschaft lange Zeit verteidigt oder heruntergespielt hat, gilt auch dies als Zugeständnis an Giuffre. Diese könnte sich Rechtsexperten zufolge im Gegenzug zu Stillschweigen verpflichtet haben.

In New York dürfte nun - anders als noch vor kurzem erwartet - in der Causa Giuffre gegen den Herzog von York nicht mehr viel zu erwarten sein. Beide Seiten kündigten an, die Einstellung des Prozesses zu beantragen, was als reine Formsache gilt. Allerdings gilt noch immer nicht als ausgeschlossen, dass Andrew eines Tages als Zeuge der Verbrechen von Epstein und seiner mittlerweile ebenfalls verurteilten Ex-Partnerin Ghislaine Maxwell befragt werden könnte. Die Anti-Monarchie-Organisation Republic forderte außerdem, die Londoner Polizei solle wegen des mutmaßlichen Missbrauchs in London vor rund 20 Jahren Ermittlungen aufnehmen. Vergleich oder nicht - das Thema wird Andrew weiterhin begleiten.

© dpa

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