Helge Schneider macht wieder Jazz: «Der Pabst» als Fisch

13.07.2021 Der «Musicclown» aus Mülheim an der Ruhr ist zurück: Helge Schneider hat ein neues Jazz-Album gemacht, für den Vinyl-Liebhaber «eine Platte». Lustige Lieder sind auch drauf (eines davon für den Sänger selbst «eine Frechheit»). Und ein Hörspiel.

Helge Schneider. Foto: Caroline Seidel/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Hat nicht ganz geklappt mit einer Klavierplatte «ohne Quatsch», wie Helge Schneider noch vorigen Sommer ankündigte. «Macht nichts» sagen jetzt vielleicht die Fans des Jazzmusikers und Multiinstrumentalisten, «zum Glück» womöglich die Anhänger des «Musicclowns» (Eigenbezeichnung).

«Die Reaktion» lautet der Titel des neuen Schneider-Albums und eines Songs daraus. «Dies ist meine Reaktion auf das Geschehen», singt er da. «Welche Reaktion, ja, worauf? Das kann man sich dann ausdenken. Das Musikstück spricht für sich», sagt er. 22 Stücke, üppige 78 Minuten lang ist das Werk - die meisten instrumental, sehr viel Jazz, viel Klavier. «The Last Jazz Vol. II» ist denn auch der Untertitel, der Bezug nimmt auf sein frühes Album «The Last Jazz» von 1987.

Frei improvisierte Quatsch-Lieder, die so wirklich nur «Katzeklo»-Autor Helge Schneider kann, gehören also auch dazu. «Der Pabst» etwa, mit b anstatt p. «Der Pabst ist nur ein Mensch. Wenn er ein Fisch wär', könnte er eventuell baden gehen in Rimini, ohne erkannt zu werden», singt der Musiker.

Oder der «Mann ohne Gesicht», schon vorab mit Video veröffentlicht. Ein Lied mit (übersichtlicher) Handlung: Der Mann holt einen Karton aus einem Schließfach und findet darin sein Gesicht. «Da sind schon ein paar schräge Sachen dabei. Also, für mich nicht. Für mich ist alles schräg oder gar nichts, das ist alles relativ.»

Eine Gemeinheit gibt es auch: «Mondscheinelise» in Anlehnung an Beethovens «Mondscheinsonate» und «Für Elise». Der Pianist bekommt leider einen üblen Hustenanfall, hört aber nicht auf zu spielen. «"Mondscheinelise" ist eine Frechheit», sagt Schneider selbst über sein Stück.

Helge und die Ernsthaftigkeit des Musikers beim Vortrag: «Ich finde ja lustig, wenn ein Musiker unheimlich ernste Musik macht, ohne Lust fast schon. Wenn das geschieht auf der Bühne, wenn das auch so wahnsinnig wichtig ist und so aufgeblasen und man dann Smoking anziehen muss, wenn man das hört. Für mich ist das grotesk, ich mag das auch, aber ich lache da drüber, ich nehme das nicht ernst, weil ich mich selber nicht ernst nehme.»

Stimmt nicht ganz: Helge Schneider erfindet und spielt «Verschollene Werke von Bach und Händel» und «Variationen auf Händels verschollene Aufzeichnungen» virtuos ohne Huster, mit Schneiderschen Akzenten natürlich, doch ohne offensichtlichen Bruch. «Ich habe mich in die Zeit versetzt mit Fantasie, wie das damals wohl so war, wenn man sich da hat was einfallen lassen. Die Harmonien waren sehr streng. Ich habe versucht, das nachzuempfinden und dabei bloß keinen Jazz, bloß keine Bluenote reinzubringen.»

Ein herrlich absurdes Hörspiel (ohne Musik) ist auch unter den 22 Stücken. Klaus hat beim Nordic Walking die Schallmauer durchbrochen und erzählt es seinem Kumpel: «Hömma, dat glaubste nich, wat dat fürn Knall war.»

Bis auf zwei hat der 65-Jährige alle Stücke selbst komponiert. Wieder spielt er auch alle Instrumente selbst. Nur in «The Tadd Walk» (komponiert von Tadd Dameron) sitzt sein Sohn Charlie «The Flash» (11) am Schlagzeug. Schneider mischt seine Stücke auch selbst: Herausgekommen ist Studiomusik, die etwa im komplexen «Großstadtgemecker» klingt, als würde im Jazzclub eine mindestens fünfköpfige Combo spielen - und dabei sehr viel Impro-Spaß haben.

Die Platte (Schneider sagt immer «Platte», weil er an den Vinylscheiben hängt) hat er auch für sein Gemüt gemacht: «Deshalb habe ich die Platte eigentlich machen wollen, damit ich die selber mal hören kann.» Wenn er zum Beispiel draußen sitzt.

Keine einzige Platte in seinem Leben habe er jemals wieder gehört nach dem Abmischen, beteuert er. «Nie mehr, wirklich nicht. Das ist für mich immer sofort Schnee von gestern.» Allzu viel Zeit fürs Auflegen daheim bleibt ihm indes nicht: Bei seiner Sommertournee «Let's lach» will Helge bis September jeden Monat etwa ein Dutzend Mal auftreten.

© dpa-infocom GmbH

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