«Mit der Wahrheit ans Licht»: Queeres Outing im Nordwesten

27.01.2022 Queer sein und für die katholische Kirche arbeiten - das erlaubt die Lehre nicht. Aber es gibt diese Menschen im Kirchendienst. In einem Bistum haben besonders viele ihr Coming-out gewagt.

Die Kombo zeigt Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Initiative «#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst». Foto: EyeOpeningMedia/rbb/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Ann-Cathrin Röttger muss sich erst noch daran gewöhnen, frei über ihre Liebe sprechen zu können. Die 43-Jährige leitet die Arbeitsstelle Freiwilligendienste im katholischen Bistum Osnabrück. Ihr Arbeitsplatz liegt am Dom im Generalvikariat, in dem man auch dem Bischof über den Weg läuft. Röttger gehört zu den 125 kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Priestern und engagierten Laien in Deutschland, die in der Aktion #OutInChurch ihr Queersein öffentlich gemacht haben.

Vorher hätten nur zwei oder drei enge Kolleginnen und Kollegen gewusst, dass sie lesbisch ist, sagte Röttger der Deutschen Presse-Agentur. «Auch im direkten Team war das nicht bekannt.» Dabei habe sie auf wohlmeinende Fragen, wie es ihr alleinstehend im Corona-Lockdown geht, die Antwort auf der Zunge gehabt: Ich bin nicht allein und mir geht es gut.

Doch gleichgeschlechtliche Beziehungen sind mit Lehre und Dienstrecht der katholischen Kirche nicht vereinbar, sie können zur Kündigung führen. «Ich wünsche mir eine Kirche, in der ich auch als Hauptamtliche meine sexuelle Orientierung/meine Partnerschaft nicht verstecken muss», sagte Röttger für #OutInChurch. Und sie hofft, dass sich durch die Kampagne am kirchlichen Arbeitsrecht etwas ändert.

Die Aktion vereint Menschen aus ganz Deutschland, aber gerade im norddeutschen Bistum Osnabrück haben viele Kirchenmitarbeiter das Coming-out gewagt. Ein Pastoralassistent gehört dazu, eine Theologiestudentin und Leiterin der katholischen Pfadfinderschaft, zwei schwule Gemeindemitglieder aus Freren im Emsland.

«Es hat mit der Stimmung im Bistum zu tun, dass es Vertrauen gibt», sagte der Jugendreferent Sven Diephaus (40) aus Haselünne der dpa. Bei ihm wisse die Gemeinde schon lange, dass er schwul sei. «Da bin ich akzeptiert, so wie ich bin.» Bevor die Aktion durch den ARD-Film «Wie Gott uns schuf» öffentlich wurde, sprachen Röttger und Diephaus mit Bischof Franz-Josef Bode. Er habe Verständnis gezeigt, berichten beide. Kündigungen stehen nicht im Raum.

Öffentlich nannte der Bischof die Debatte längst überfällig. Die Loyalität kirchlicher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werde arbeitsrechtlich eng an die Lebensform gebunden. Zwar könne man im Einzelfall Regelungen finden, aber diese schafften zugleich Unsicherheiten. «Es ist dringend notwendig, für alle Seiten verlässliche Lösungen zu finden.» Daran arbeite der Reformprozess Synodaler Weg, sagte Bode.

«Solange die rechtliche Grundlage sich nicht ändert, bleiben wir 125 Einzelfälle», sagt auch der Bremer Gemeindeassistent Manuel Rios Juárez (29). Die drei Gemeinden im Norden der Hansestadt und in Schwanewede (Kreis Osterholz), in denen er arbeitet, gehören zum Bistum Hildesheim. Dessen Oberhirte Heiner Wilmer zeigte ebenfalls Verständnis: «Es geht darum, die heutigen Lebenswirklichkeiten von gleichgeschlechtlichen Gemeinschaften zu würdigen, ohne damit das Sakrament der Ehe zwischen Mann und Frau in Frage zu stellen.»

Bei Rios Juárez erfuhr die Gemeinde erst durch #OutInChurch, dass er schwul ist und einen Freund hat. Aber er ist froh über den Schritt: «Es ist eine zutiefst christliche Haltung, mit der Wahrheit ans Licht zu gehen.» Die ersten Reaktionen seien «durchweg positiv» gewesen, berichtet er, und so war es auch für Röttger und Diephaus.

Aber sie rechnen damit, dass sich auch Widerstand formieren wird. Die drei Verfechter von #OutInChurch gehen davon aus, dass die deutschen Bischöfe ein neues Dienstrecht beschließen könnten, ohne auf die Weltkirche zu warten. «Ich denke, die Kirche in Deutschland oder Westeuropa müsste mutige Schritte gehen, um der gesellschaftlichen Realität Rechnung zu tragen», sagt Röttger.

Als die drei in den kirchlichen Dienst traten, haben sie den möglichen Konflikt mit dem Arbeitsrecht in Kauf genommen - gerade aus Zuneigung zur Kirche. «Mir war im Vorfeld bewusst: Du entsprichst nicht dieser Norm», sagt Diephaus. «Es ist eine Berufung, die einen in die Kirche bringt», sagt Rios Juárez. Röttger sagt, sie habe immer auf Änderungen gehofft. Denn Kirche habe trotz Missbrauch-Skandals und anderer negativer Erscheinungen etwas zu geben. «Ich finde, wir haben die große Gabe, Menschen einfach annehmen zu können».

© dpa-infocom GmbH

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