Franziskanerinnen legen Dokumentation über Kurkinder vor

26.01.2022 Viele Kinder, die in den 50er und 60er Jahren in Kuren geschickt wurden, erlebten diese Aufenthalte als Zeit des Schreckens. Vorwürfe gibt es auch gegen Heime der Thuiner Franziskanerinnen.

Blick auf ein Kreuz auf dem Gelände des Thuiner Franziskanerinnen-Ordens. Foto: Friso Gentsch/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Es geht um Übergriffe, harte Bestrafungen wegen Nichtigkeiten, Misshandlungen, zum Teil auch um sexualisierte Gewalt: Über die Internetplattform Netzwerk B haben Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Kinderkuren zwischen 1970 und 1990 ihre negativen Erfahrungen geschildert. Dabei wurden auch Vorwürfe gegen drei Heime laut, die vom Orden der Thuiner Franziskanerinnen in Timmendorfer Strand-Niendorf und auf Borkum betrieben werden. Dazu hat der Orden nun eine Dokumentation vorgelegt.

«Wir halten die Schilderungen der früheren Kinder für wahr», sagte die Generaloberin des Ordens, Schwester Maria Cordis Reiker. Die Autorin der Dokumentation ist Christine Möller, Leiterin der Diözesanbibliothek des Bistums Osnabrück. Sie sprach auch mit Ordensschwestern, die in dem dokumentierten Zeitraum in den Kinderkurheimen tätig waren. Eine ist inzwischen gestorben.

Die Schwestern berichteten von einer Dauer-Überforderung angesichts der großen Gruppen von 25 Kindern. Von möglichen sexuellen oder erzieherischen Misshandlungen hätten die Schwestern ihren eigenen Angaben zufolge nichts bemerkt. Allerdings habe bisweilen ein rauer Ton geherrscht. Den Vorwurf, Kinder gezwungen zu haben, ihr eigenes Erbrochenes zu essen, habe eine Schwester von sich gewiesen. Es gebe auch frühere Kurkinder, die eine positive Erinnerung an den Aufenthalt gehabt hätten, sagte die Generaloberin.

Ein Urteil darüber, welche Darstellung richtig oder falsch sei, könne es heute nicht mehr geben, sagte Schwester Maria Cordis. «Wir wollen den Kindern eine Stimme geben, damit sie nach langer Zeit gehört werde.» Die Schwestern wollten diese Erfahrungen ernst nehmen. Die Schwestern des Ordens seien bestürzt über die Vorwürfe gewesen.

2010 hatte der Orden zunächst eine Schwester beauftragt, intern in den Fällen zu recherchieren und mit den beschuldigten Schwestern und den Betroffenen zu sprechen. Da nach zehnjähriger Aufbewahrungsfrist Akten und andere Unterlagen vernichtet waren, wurden die Nachforschungen eingestellt. Dieser Aufklärungsversuch sei aus heutiger Sicht nicht ausreichend gewesen, sagte Schwester Maria Cordis.

Die Einrichtungen hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend geändert, sagte Schwester Maria Cordis. Heute seien es keine Kurkinderheime mehr, sondern Institutionen für Mutter-Kind-Kuren. Das Leitungspersonal habe Sozialpädagogik studiert, Fortbildungen seien vorgeschrieben. In den Häusern seien auch Psychologen fest angestellt und damit entspreche die Ausbildung den heutigen Standards.

Einem früheren Erzieher in den Kinderkurheimen St. Antonius und St. Johann in Timmendorfer Strand wurde von einem früheren Kurkind der Vorwurf sexualisierter Gewalt gemacht. Sie habe daher bei der Staatsanwaltschaft Lübeck Anzeige erstattet, sagte die Generaloberin. Das Verfahren sei aber eingestellt worden.

Sie wünsche sich, dass frühere Kurkinder, die ihre Geschichte erzählen wollen, sich melden, sagte Schwester Maria Cordis. Die heutigen Mutter-Kind-kurkliniken in Timmendorfer Strand-Niendorf und auf Borkum seien offen für frühere Kurkinder. Es sei möglich, sich die Einrichtungen anzusehen und mit den jetzigen Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen. Auch die Psychologinnen der Einrichtungen seien zu Gesprächen bereit.

© dpa-infocom GmbH

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