Reisinger zu Triage-Einsatz Anfang der 1990er: «prägend»

21.12.2021 Viele dürften den Begriff Triage erst mit der Corona-Pandemie kennengelernt haben. Der Rostocker Epidemiologe Emil Reisinger hat sie vor Jahrzehnten schon selbst erlebt. In Rostock gebe es aktuell keine Triage - noch nicht.

Emil Reisinger. Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Der Rostocker Epidemiologe Emil Reisinger hat als Arzt Anfang der 1990er Jahre im Mittleren Osten Erfahrungen mit der sogenannten Triage gesammelt. «Die Zeit im Iran war für mich sehr prägend», sagte Reisinger der Deutschen Presse-Agentur. Während des Irakkriegs habe er dort als Arzt in einem Flüchtlingslager gearbeitet. «Da haben wir 15.000 kurdische Flüchtlinge betreut.» In dem Zeltlager sei es schnell zu einer Typhus- und Cholera-Epidemie gekommen. Im Infektionszelt des Feldlazaretts habe es 20 Betten gegeben. «Insofern konnten wir nicht alle behandeln.» Der «Spiegel» hatte über die Erfahrungen des Dekans der Universitätsmedizin Rostock (UMR) berichtet.

Triage bedeutet, dass Mediziner wegen knapper Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst und mit welchen Mitteln helfen. Menschen, die sie nicht hätten aufnehmen können, seien in ihren Zelten so gut es ging versorgt worden und hätten etwa keine Infusionen mit Flüssigkeit oder Antibiotika erhalten, erzählte Reisinger. Er geht davon aus, dass es infolge der unzureichenden Behandlung zu Todesfällen gekommen ist. Die Ärzte hätten damals vor allem nach dem Alter priorisiert. «Wenn wir Platz hatten, haben wir ältere Menschen auch aufgenommen. So hat man damals triagiert.»

Käme es etwa an der UMR im Zuge der Corona-Pandemie zu Triagen, würde man laut Reisinger anders vorgehen. Für heutige Leitlinien sei nicht unbedingt das Alter maßgeblich, sondern die individuelle Überlebenschance. An seinem Haus ist bereits vor Wochen ein Ethikrat gebildet worden. Der Rat soll die Mediziner auf mögliche Triagen gedanklich vorbereiten, aber nicht konkrete Entscheidungen treffen. Im konkreten Fall tauschten sich Ärzte aus, «so dass man diese Entscheidungen in der Regel nicht alleine trifft», erklärte Reisinger. Bei aller Vorbereitung nähmen Ärzte ihre Entscheidungen als «Rucksack» mit nach Hause. Auch für diese Nachbereitung diene der Ethikrat. Im Iran gab es damals nach Reisingers Aussage dafür kaum Zeit. «Da haben wir Tag und Nacht gearbeitet.»

Zur aktuellen Lage an der UMR sagte Reisinger Anfang der Woche: «Wir sind vorbereitet darauf, aber bisher haben wir noch keine klassische Triage durchgeführt.» Es gebe Priorisierungen. In verschiedenen Bereichen würden Patienten elektiv nicht mehr versorgt, sondern nur Notfälle. Dabei gehe es aber nicht darum, ob jemand eine Intensivbehandlung erhalte oder nicht. Dennoch: «Die Intensivstationen sind voll.» Die Phase der Priorisierung sei die Phase vor der Triage.

© dpa-infocom GmbH

Weitere News

Top News

Fußball news

Europapokal: Mit Mourinho ins Glück: AS Rom gewinnt Conference League

Tv & kino

Festival: Cannes: Protest ukrainischer Filmemacher auf rotem Teppich

Internet news & surftipps

Soziales Netzwerk: Twitter-Deal: Musk ändert Finanzierungs-Taktik

Musik news

In der Bronx: Richtfest am Hip-Hop-Museum in New York

Tv & kino

Filmfestival : Die Dardenne-Brüder mit «Tori and Lokita» in Cannes

Gesundheit

Mentale Gesundheit: Lange Wartezeiten auf eine Psychotherapie

Auto news

Bitte anschnallen: So sind Kinder im Auto richtig gesichert

Internet news & surftipps

Künstliche Intelligenz: Leibniz-Rechenzentrum in Garching bekommt KI-«Superchip»

Empfehlungen der Redaktion

Regional mecklenburg vorpommern

Mediziner Reisinger: Corona-Lage wird sich weiter zuspitzen

Job & geld

«Imaging Laboratory»: Neues Forschungslabor an der Unimedizin in Rostock

Regional mecklenburg vorpommern

Mit oder wegen Corona im Krankenhaus

Regional mecklenburg vorpommern

Infektiologie Reisinger für Impfpflicht

Inland

Triage: Lauterbach: Behandlungsabbruch wird nicht erlaubt

Regional mecklenburg vorpommern

Mediziner Reisinger: «Jede Impfung zählt»

Regional mecklenburg vorpommern

Infektiologe Reisinger: Viele Menschen sind pandemiemüde

Regional mecklenburg vorpommern

Infektionen steigen: Schwesig will einheitliche Maßnahmen