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Zentralrat der Muslime mahnt friedliche Demonstrationen an

Waren deutsche Islamverbände mit ihren Reaktionen zu zögerlich nach dem Massaker der Hamas? Ein Vorsitzender sieht eine besondere Verantwortung. Derweil werden in Berlin weitere Demos verboten.
Pro-Palästina Kundgebung
Aiman Mazyek

Der Zentralrat der Muslime mahnt pro-palästinensische Demonstranten in Deutschland zur Zurückhaltung. «Ich mache mir wirklich große Sorgen», sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, in den ARD-«Tagesthemen». Auf den Straßen seien derzeit Hass, Gewalt und Antisemitismus zu erleben. «An dieser Stelle verurteile ich das ganz klar und deutlich», betonte Mazyek. «Ich appelliere auch insbesondere an die Muslime, gerade an Demonstrationen, sich jetzt zurückhaltend zu beteiligen und auch genau hinzuschauen, wer die Betreiber sind.»

Eine Alternative seien zum Beispiel Friedensgebete. Es sei allerdings auch wichtig, dass Menschen, die zum Beispiel Angehörige im Gaza-Streifen verloren hätten, ihre Trauer zum Ausdruck bringen könnten, sagte Mazyek.

Polizei verbietet weitere palästinensische Demonstration in Berlin

Die Berliner Polizei verbot unterdessen erneut eine palästinensische Demonstration. Sie war für Sonntag von 14 bis 18 Uhr auf dem Potsdamer Platz in Berlin-Mitte unter dem Titel «Frieden im Nahen Osten» geplant. Die Entscheidung sei nach Bewertung aller Umstände und Erkenntnisse sowie der Abwägung sämtlicher Interessen gefallen, insbesondere des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit, teilte die Polizei am Samstag mit. Auch jede Ersatzveranstaltung dafür ist demnach bis zum 30. Oktober verboten.

Die Versammlungsbehörde habe den Fall basierend auf bisherigen Erfahrungen und weitergehenden Erkenntnissen geprüft. Es bestehe die unmittelbare Gefahr, dass es bei der Versammlung zu volksverhetzenden, antisemitischen Ausrufen, Gewaltverherrlichungen und Gewalttätigkeiten komme, so die Polizei.

«Deutsche Muslime haben eine besondere Verantwortung»

In den vergangenen Tagen war es mehrfach zu Ausschreitungen bei pro-palästinensischen Demonstrationen gekommen. «Ich verhehle nicht, dass es auch Muslime gibt, die antisemitisch sind, und das müssen wir bekämpfen», sagte der Zentralrats-Vorsitzende. Jede Form von Antisemitismus oder Rassismus sei eine Sünde im Islam. «Gerade wir als deutsche Muslime haben eine besondere Verantwortung, auch gegenüber Juden und Israel.» Er selbst habe gestern eine Synagoge besucht, um «ein Zeichen der Anteilnahme, des Mitgefühls, aber auch der Solidarität» zu setzen.

Der Zentralrat gehört zu den großen muslimischen Dachverbänden in Deutschland. Nach dem brutalen Hamas-Angriff auf Israel war Kritik laut geworden, dass die Verbände sich zu spät geäußert und die Taten der Hamas nicht eindeutig genug verurteilt hätten. Zu der für Sonntag geplanten Kundgebung gegen Antisemitismus und für Solidarität mit Israel in Berlin wurden sie nicht eingeladen - nur eine liberale muslimische Organisation wird dort vertreten sein.

Lang warnt vor Generalverdacht

«Wir sollten uns davor hüten, alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen», sagte die Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang der «Neuen Osnabrücker Zeitung». Es gebe viele Stimmen aus der islamischen Community, die sich klar gegen die Hamas positioniert hätten. Sie hätte sich aber ein «klareres Statement vonseiten der Islamverbände gewünscht».

Langs Parteikollege, Landwirtschaftsminister Cem Özdemir, schrieb auf der Plattform X: «Nach Relativierungen und Schweigen zum Terror gegen Israel braucht es einen neuen Umgang mit Islamverbänden: Klar einfordern, sich zu Grundwerten zu bekennen und sie auch hinter verschlossenen Türen zu praktizieren.»

Der Berliner Rabbiner Andreas Nachama mahnte derweil an, Muslime nicht pauschal als gewaltbereit abzustempeln. Viele Bilder und Filme in den Tagen seit dem Angriff der Hamas auf Israel seien sehr verstörend, sagte Nachama dem «Tagesspiegel» (Samstag). Die Gewaltbereitschaft betreffe nicht pauschal alle Muslime, sondern eine bestimmte Szene.

Forderung nach Dialog

«Wir müssen versuchen, mit diesen Menschen in einen Dialog zu treten. Dazu sind wir verpflichtet, denn wir leben gemeinsam in dieser Stadt», sagte der Sohn jüdischer Holocaust-Überlebender und ehemalige Direktor des Erinnerungsorts Topographie des Terrors. So schwer das für beide Seiten auch sein möge, es sei zum Wohle des Ganzen. «Ich habe in der muslimischen Community viele Freunde und appelliere an alle, einen Weg zur Geschwisterlichkeit und Partnerschaft zu finden.»

«Der rechtsradikale, hier verankerte Antisemitismus und der nahöstliche geben sich auf unheilvolle Weise die Hand», sagte Nachama, der auch Mitgründer des House of One ist, einem auf Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen ausgerichteten Projekt in Berlin-Mitte. Die Bedrohungslage sei ernst. «Gleichzeitig sollten wir bei gewaltverherrlichenden Personen nicht den Eindruck erwecken, sie hätten damit Erfolg», sagte Nachama.

Der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Johannes Winkel, sagte gestern auf dem Deutschlandtag der CDU/CSU-Nachwuchsorganisation in Hannover: «Deutschland hat ein schweres Problem mit dem politischen Islam. Das reicht von Hinterhofmoscheen bis zu den Spitzen der muslimischen Verbände, die es nicht für nötig hielten, sich von der Hamas zu distanzieren. Deswegen brauchen wir einen Maßnahmenplan gegen den politischen Islam.»

© dpa
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