Auch Lichtenhagen 1992 gehört zu Rostocks Stadtgeschichte

Rostock bereitet sich auf ein schwieriges Gedenken vor, das auf die rassistischen Übergriffe in Lichtenhagen vor 30 Jahren zurückblickt. Zur zentralen Veranstaltung kommt nächste Woche auch der Bundespräsident.
Das Sonnenblumenhaus im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen. © Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa

Die rassistischen Ausschreitungen von Lichtenhagen im Jahr 1992 gehören nach Worten von Rostocks amtierendem Oberbürgermeister Steffen Bockhahn (Linke) zur Stadtgeschichte Rostocks. «Die Erinnerung daran muss wach und präsent gehalten werden, damit sich ein solch fürchterliches Pogrom nicht wiederholen kann», sagte er mit Blick auf die Gedenkveranstaltungen an die Übergriffe vor 30 Jahren.

Damals hatten vom 22. bis zum 26. August Anwohner und Neonazis unter dem Applaus Tausender Schaulustiger die Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende und ein Wohnheim für vietnamesische Arbeiter angegriffen und teils in Brand gesetzt. Die Polizei bekam die Lage nicht unter Kontrolle. Die Ausschreitungen gelten als die bis dahin schlimmsten rassistischen Übergriffe der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Das Ereignis gehört nicht nur zu Rostocks 804-jähriger Stadtgeschichte, sondern auch zur deutschen Geschichte. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird deshalb am 25. August in die Hansestadt kommen. Er wird am damaligen Ort der Ausschreitungen, am Sonnenblumenhaus, Blumen niederlegen, den buddhistisch- vietnamesischen Tempel besuchen und am Abend bei einer Gedenkstunde eine Rede im Rostocker Rathaus halten. Auch Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) kommt an dem Tag in die Stadt.

Auswirkungen des Pogroms im Mittelpunkt

Zum Gedenken an das Pogrom, dessen Ursachen und Folgen entwickelten in Rostock Vereine, Institutionen und die Stadt gemeinsam mit Partnern unterschiedliche Formate. Neben Filmvorführungen und Fotoausstellungen gehört auch ein Stadtrundgang durch Lichtenhagen zum Programm, bei dem die Historie, die Auswirkungen und der gesellschaftliche Umgang mit dem Pogrom im Mittelpunkt stehen.

Am 25. August sind Schulklassen in die Stadthalle eingeladen, um sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit historischen und aktuellen Fragen auseinanderzusetzen, die mit den Ereignissen im August 1992 in Verbindung stehen. Die Stadt richtete unter www.rostock.de/gedenken eine Internetseite ein, unter dem Termine, Veranstaltungshinweise und weiterführende Links zum Thema zu finden sind.

Die unter Schirmherrschaft des früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) stehende Amadeu Antonio Stiftung erinnerte kürzlich auch an andere Orte. «In den 1990ern griffen Neonazis immer wieder Asylsuchende und Menschen an, die sie als fremd oder weniger wert ansahen - es reichte schon, ihr Weltbild nicht zu teilen», so die Stiftung. Rostock, Hoyerswerda, Mölln und Solingen seien nur einige der Orte, an denen es zu solchen Angriffen kam. «Viele der Täter von damals mussten sich für ihre Taten nie rechtfertigen und wurden auch juristisch nicht belangt», kritisierte Stiftungsgeschäftsführer Timo Reinfrank.

Rostocks amtierender Oberbürgermeister, der auch Historiker ist, betonte, es gebe sicher weit mehr als eine Erklärung für das, was damals in Lichtenhagen passiert sei. Vieles müsse man auch in der Zeit und den Umständen von damals sehen. «Man wird feststellen, dass es eine Katastrophe mit Ansage war, die dadurch aber nicht zu entschuldigen ist. Was Ende August 1992 passiert ist, ist durch nichts zu entschuldigen.»

© dpa
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