Ukrainerin will heraus aus dem Wartezustand

18.05.2022 Den Beginn des russischen Angriffs im Februar hat Olha aus Kiew im Nachtzug erlebt. Die Angst dieser Stunden steckt ihr immer noch in den Knochen. Ihre Zukunft sieht sie erst einmal in Berlin.

Bevor Olha (r) zu ihrer Gastgeberin Ulla nach Berlin-Friedenau kam, wohnte sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Gelände einer ehemaligen Nervenklinik in Berlin-Reinickendorf. © Christoph Soeder/dpa

Olha will in Deutschland bleiben, erst einmal.

Die junge Frau mit dem breiten Lächeln sagt, sie kenne etliche Landsleute, die in den vergangenen Wochen in die Ukraine zurückgegangen seien - weil sie es ohne ihre Angehörigen nicht ausgehalten hätten oder weil es ihnen schwer gefallen sei, sich an die hiesigen Gepflogenheiten zu gewöhnen.

Für sie selbst komme das derzeit aber nicht infrage, sagt sie. «Ich verstehe die deutsche Kultur, ich spreche die Sprache.» Über Ostern war die 30-jährige zwar für einige Tage bei ihren Eltern in der Ukraine. Doch das ständige Sirenengeheul, die Angst und die Ungewissheit setzten ihr zu.

Studierte Germanistin

Jetzt ist die blonde Ukrainerin zurück in Berlin-Friedenau, wohnt wieder im Gästezimmer von Ullas geräumiger Altbauwohnung, in dem früher auch schon einmal ein syrischer Flüchtling untergekommen war. Ein ukrainischer Rechtsanwalt aus der Nachbarschaft hat die pensionierte Schulleiterin und die Wirtschaftsprüferin aus Kiew Anfang April zusammengebracht.

Als sie den Anwalt kennenlernte, der sich in der Hilfe für geflüchtete Ukrainer engagiert, wohnte Olha in einer Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin-Reinickendorf. Mit ihren Sprachkenntnissen half die studierte Germanistin in der Einrichtung, in der Schutzsuchende normalerweise nur kurze Zeit bleiben, als Übersetzerin aus. «Es war gut, ich war immer beschäftigt, ich konnte helfen», erzählt sie. Das habe ihr geholfen, die Gedanken an den Krieg in der Heimat zu verdrängen.

Doch dann hätten Bewohner der Unterkunft ein Kissen und andere Gegenstände aus ihrem Zimmer entwendet. Deshalb sei sie am Ende sehr froh gewesen, als sich die Möglichkeit geboten habe, bei Ulla einzuziehen. Für Ukrainerinnen, die zusammen mit Angehörigen oder Freunden in Deutschland seien, sei es vielleicht einfacher, in so einer Unterkunft zu leben. Als Frau alleine habe sie sich in dem Gebäude, wo man die Zimmertür nicht abschließen könne, nicht so wohl gefühlt.

Keine klare Perspektive - das quält

Ihre 74-jährige Gastgeberin sagt, Olha sei «ein Glücksfall». Da die Ukrainerin sehr gut Deutsch spreche, sei es einfach mit der Verständigung. Die junge Frau sei sehr selbstständig. Sie habe nun auch eine Zusage für ein bezahltes Praktikum erhalten, das am 1. Juni beginnen solle. Ihre Stelle als Wirtschaftsprüferin im Staatsdienst, ihre Mietwohnung in einem Hochhaus in Kiew, all das hat Olha zurückgelassen.

«Erst dachte ich, ich bleibe nur ein paar Tage in Deutschland oder Wochen, aber ich weiß, dass alle Flüchtlinge so denken», sagt die Ukrainerin. Schließlich habe sie vor sieben Jahren bei einer Organisation gearbeitet, die sich um Vertriebene aus dem Donbass und um Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan gekümmert habe. Daher wisse sie, wie quälend es sei, keine klare Perspektive zu haben.

Kurz bevor der Krieg begann, schickte Olha aus Kiew Pakete mit einigen ihrer Kleidungstücke zu ihren Eltern, die im Westen der Ukraine, nahe der Grenze zu Belarus leben. «Der Krieg lag schon in der Luft - und ich wollte nicht dastehen wie viele dieser Menschen, die mir erzählt haben, dass sie nur mit einem T-Shirt und Flipflops losgelaufen sind», sagt sie.

Explosionen erschienen aus dem Zugfenster «wie ein Feuerwerk»

Am 23. Februar - wenige Stunden, bevor die russischen Bombardierungen begannen - bestieg Olha, die ihren Familiennamen nicht veröffentlicht sehen will, den Nachtzug nach Kowel. In den frühen Morgenstunden sah sie aus dem Zugfenster die Explosionen. Sie erschienen ihr unwirklich, «wie ein Feuerwerk». Ihr Vater kam mit dem Auto nach Kowel, um sie abzuholen. An diesem Punkt der Erzählung fängt Olha an zu weinen. Den schwarzen Tee, der in der Tasse vor ihr langsam kalt wird, hat sie nicht angerührt. «Ich arbeite daran, ruhig zu sein», sagt die junge Frau.

Im Haus ihrer Eltern schliefen sie in den ersten Nächten im Flur. Da es in der Region viele Seen gebe, hätten die Häuser in dieser Gegend keine Keller, in denen man Schutz suchen könne, sagte Olha. Ihr Bruder habe gesagt, sie sei eine «Panikeurin», eine, die schnell in Panik gerate. Er habe sie gedrängt, über Polen nach Berlin zu fahren. «Wenn wir alle ums Leben kommen, dann musst Du bleiben», habe er zu ihr gesagt.

© dpa

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