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Lemke will Abschuss von Wölfen erleichtern

Tausende Nutztiere werden in Deutschland jährlich Opfer von Wölfen. Die Umweltministerin will den Abschuss erleichtern, wenn etwa Schafe gerissen wurden. Kritiker halten die Vorschläge für unzureichend.
Wölfe
Zwei Wölfe in einem Gehege in einem Wildpark. © Patrick Pleul/dpa

Bundesumweltministerin Steffi Lemke will schnellere Abschüsse einzelner Wölfe in Deutschland ermöglichen. So will die Grünen-Politikerin auf die immer zahlreicheren Fälle getöteter Schafe und Weidetiere reagieren. «Dort wo Wölfe Schafe reißen, (...) müssen wir diese Wölfe schießen, weil sie gelernt haben, dass man dort leichte Beute machen kann», sagte Lemke am Donnerstag in Berlin. Ein anlassloses Abschießen von Wölfen dürfe es aber weiter nicht geben, sagte Lemke. Kritik kam von Bauernverband und Union, Lob von Umweltverbänden.

Konkret sieht Lemkes Vorschlag vor, dass die Bundesländer bestimmte Regionen mit vermehrten Rissen durch Wölfe festlegen. Hat ein Wolf hier zumutbare Schutzvorkehrungen wie einen Zaun überwunden und ein Weidetier gerissen, soll auf ihn per Ausnahmegenehmigung 21 Tage lang geschossen werden dürfen - und zwar im Umkreis von 1000 Metern um die Weide. Anders als bisher soll nicht erst eine DNA-Analyse abgewartet werden müssen, um den Wolf eindeutig zu identifizieren.

Der Weg zum Abschuss

Eine Abschussgenehmigung solle innerhalb weniger Tage vorliegen können, sagte Lemke. Ein Riss-Gutachter solle feststellen, ob es sich tatsächlich um einen Wolfsriss handelt und ob es einen Herdenschutz gibt. Zur Begründung der geplanten 21-Tage-Frist verwies Lemke auf Untersuchungen aus Schweden, nach denen das Risiko eines erneuten Übergriffs in einem nahen Umkreis nach einem Riss besonders hoch sei. Eine DNA-Analyse solle weiter gemacht werden - um im Nachhinein zu prüfen, ob der richtige Wolf getroffen wurde.

Umgesetzt werden sollen die neuen Regeln laut Lemke-Ministerium durch einen Beschluss der Umweltministerkonferenz im November. Die Länder können die Abschussregeln demnach dann mit oder ohne eigene Rechtsverordnungen umsetzen. Ziel sei es, dass sie zu Beginn des neuen Jahres greifen. Lemke betonte, dies sei ein praktikabler und unkomplizierter Weg ohne nationale oder europäische Gesetzesänderungen.

Bisherige Probleme beim Umgang mit dem Wolf

Deutschland ist nach nationalem und europäischem Recht verpflichtet, den wildlebenden Wolf streng zu schützen. Laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) wurden 2022 aber mehr als 4000 Nutztiere durch Wölfe getötet oder verletzt - im langjährigen Vergleich nahm die Zahl deutlich zu. 2015 waren es erst mehr als 500. Dies habe dazu geführt, dass die Frustration groß und die Akzeptanz des geschützten Wolfes in Gefahr sei, sagte Lemke.

Bisher gelten genetische Untersuchungen anhand von Riss- und Fraßspuren als nötig, um einen Abschuss zu ermöglichen. Dies dauere aber zu lange und sei zu kompliziert, so Lemke. So blieb die Zahl getöteter Tiere mit Erlaubnis der Behörden niedrig. Kontrolliert getötet wurden laut DBBW zuletzt binnen eines Jahres nur zwei Wölfe. 125 starben durch Verkehrsunfälle. Elf Tiere wurden illegal getötet.

184 Wolfsrudel in Deutschland

In den vergangenen Jahren verbreiteten sich die Wölfe immer stärker - Lemke sprach von einem «Erfolg des Artenschutzes». So gab es laut DBBW 2022/2023 in Deutschland 184 Wolfsrudel, 47 Wolfspaare sowie 22 sesshafte Einzelwölfe - insgesamt «1339 Wolfsindividuen». Die meisten Wolfsfamilien leben in Brandenburg (52), Niedersachsen (39) und Sachsen (38). Auch in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Thüringen wurden Wölfe nachgewiesen. Laut Naturschutzbund NABU gibt es kein «übermäßiges (...) Wachstum des Wolfsbestands in Deutschland». Die Verbände der Landwirte, Jäger und Reiter kritisierten, die Zahlen verharmlosten die Entwicklung: «Demnach gibt es derzeit 2000 bis 3000 Wölfe in Deutschland.»

Kritik an den Vorschlägen

Für den Bauernverband sind Lemkes Vorschläge «völlig unzureichend». «Mit solchen Placebo-Lösungen wird die Weidetierhaltung weiterhin einer verfehlten und weltfremden Wolfspolitik geopfert», sagte Generalsekretär Bernhard Krüsken. Die Verbände von Bauern, Jägern, Schafzüchtern und Reitern pochen seit Monaten nicht nur auf eine schnelle «Entnahme von übergriffigen Wölfen bis hin zu ganzen Rudeln» zum Schutz von Schafen, Ziegen, Pferden, Rindern und Wildtieren. Nötig sei ein generelles Management des Wolfsbestandes. Die Rede ist etwa von jährlich festzulegenden Abschussquoten oder wolfsfreien Zonen.

Der Unions-Agrarexperte Albert Stegemann (CDU) kritisierte: «Ministerin Lemke drückt sich weiter vor ihrer Verantwortung.» Sie solle die Voraussetzungen schaffen, dass Wölfe bejagt werden können, bevor Wolfsrisse entstehen.

Lob von Umweltverbänden und Grünen

Die Umweltschutz-Organisation WWF Deutschland lobte angesichts der oft aufgeheizten Debatte: «Mit ihrem Vorstoß zum zukünftigen Umgang mit dem Wolf kann Bundesumweltministerin Lemke zur Brückenbauerin werden.» NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger sagte: «Die allermeisten Wölfe respektieren Herdenschutzmaßnahmen.» Für die «wenigen Fälle», in denen trotzdem Weidetiere gerissen würden, seien Lemkes Vorschläge sinnvoll.

Die Deutsche Umwelthilfe sprach von einer «praktikablen, wissenschaftlich fundierten und zügig umsetzbaren Lösung». Der Grünen-Abgeordnete Harald Ebner lobte, der zügige Abschuss problemverursachender Wölfe werde mit den Vorschlägen schneller möglich. Um Rissen durch Schutz der Herden vorzubeugen, müssten die Länder aber auch die Förderung und Beratung der Weidetierhaltenden ausbauen, sagte Ebner der Deutschen Presse-Agentur.

© dpa ⁄ Basil Wegener und Sascha Meyer, dpa
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