Halle wird Schaufenster der Deutschen Einheit

Der Name ist ziemlich sperrig: Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation. Aber es geht um etwas Grundsätzliches: Ins Gespräch zu kommen und voneinander zu lernen.
Der Marktplatz von Halle im Morgennebel mit dem Roten Turm und der Marktkirche. © Heiko Rebsch/dpa

Ein spektakuläres neues Gebäude und Neugier auf die Erfahrung mit der deutschen Vereinigung sollen künftig Hunderttausende Menschen nach Halle an der Saale locken. Das Ziel: das neue Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation, das bis 2028 für etwa 200 Millionen Euro in der Universitätsstadt in Sachsen-Anhalt gebaut werden soll. Die Entscheidung für den Standort ist jetzt gefallen - nach einem harten Ringen, wie die Vorsitzende der Auswahljury Katrin Budde am Mittwoch bekannte.

Dass sich fünf Standorte im Osten in den vergangenen Monaten einen heißen Wettbewerb um den Sitz der neuen Bundesinstitution lieferten, lief vor allem im Westen des Landes bisweilen unter dem Radar. Mit im Rennen waren neben Halle noch Eisenach, Jena, das Duo Leipzig und Plauen sowie Frankfurt an der Oder.

«Ich will sagen, dass die Entscheidung der Jury doch sehr, sehr schwer gefallen ist», betonte Budde. Am Rande einer Pressekonferenz erläuterte sie, Halle sei ursprünglich eine Art Underdog gewesen. Doch habe sich die Einschätzung der 15-köpfigen Jury bei den Reisen in die Bewerberorte gedreht.

Zentral gelegen und gut erreichbar

Ausschlaggebend waren nach Buddes Worten unter anderem die gute Erreichbarkeit der 240.000 Einwohner zählenden Stadt, das zentral gelegene Grundstück für den Neubau, der auch von der ICE-Strecke aus künftig weithin sichtbar sein wird, und Erfahrung mit Transformation. Halle sei «sympathisch unfertig», sagte der amtierende Bürgermeister, Egbert Geier, überglücklich über die Auswahl seiner Stadt.

Dazu kommt, dass Halle nicht nur eine Universität hat, sondern auch Sitz der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ist. All das gehört zum Konzept des neuen Zukunftszentrums: der Dialog ganz normaler Menschen in Ost und West, die politische Würdigung der nicht immer leichten ostdeutschen Erfahrungen nach der Vereinigung und Transformationsforschung - also das wissenschaftliche Durchleuchten dieser Erfahrung. Und das nicht nur mit Blick auf Deutschland, sondern auch auf die anderen mittel- und osteuropäischen Staaten.

An Ehrgeiz mangelt es also nicht - auch nicht an Erwartungen, vor allem in Ostdeutschland. Das ist aber auch der Grund, warum die Institution bisher recht nebulös bleibt. Was erwartet eine Besucherin aus Wuppertal in dem brandneuen Zukunftszentrum 2028? «Zumindest mal ein erheblicher Aha-Effekt», sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff. Ein Großteil der westdeutschen Bevölkerung kenne den Osten bisher nur «sehr peripher».

Spektakuläre Architektur geplant

Der Ostbeauftragte Carsten Schneider, der für den Bund für die neue Institution verantwortlich ist, fügte eine andere Facette hinzu: «Auch die Architektur wird spektakulär sein», sagte der SPD-Politiker. Vorbild sei das Europäische Solidarnosc-Zentrum in Danzig, das sich den friedlichen Umbrüchen in Osteuropa widmet. Der nächste Schritt auf dem Weg zum Zukunftszentrum ist folglich ein Architekturwettbewerb.

Zu den Inhalten sagte auch Schneider: «Überhaupt erstmal wieder Interesse wecken für die Fragen der Deutschen Einheit.» Gerade in Halle seien sehr viele Brüche zu sehen. Bei einem Unternehmen seien im Zuge der Vereinigung 30.000 Beschäftigte in einem Monat entlassen worden - mit der Folge von «Verheerungen» in der ganzen Region.

Nicht zuletzt dürfte das Zentrum für Halle und die ganze Region ein Wirtschaftsfaktor werden. Rund 40 Millionen Euro im Jahr sollen bereit stehen und eine dreistellige Zahl von Mitarbeitern beschäftigt werden. Bis zu eine Million Menschen pro Jahr könnten das Zukunftszentrum einmal besuchen, hofft auch die Juryvorsitzende Budde, die für die SPD im Bundestag sitzt.

Für die vier unterlegenen Bewerber ist es auch deshalb bitter, dass sie leer ausgegangen sind. Ministerpräsident Haseloff versuchte, die Enttäuschung etwas zu dämpfen. Netzwerke der ehemaligen Bewerberstädte sollen entstehen, vielleicht Ideen der Konkurrenz im Verbund an den dortigen Standorten verwirklicht werden. «Das Zukunftszentrum wird seinen Sitz in Halle haben, aber es ist kein Zentrum für Halle, sondern für ganz Deutschland», meinte der CDU-Politiker.

© dpa ⁄ Verena Schmitt-Roschmann, Christopher Kissmann und Silke Nauschütz, dpa
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