Experten für Entfernung von antijüdischem Relief «Judensau»

Wie soll mit der judenfeindlichen Schmähplastik aus dem Mittelalter an der Wittenberger Stadtkirche verfahren werden? Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs gibt es nun eine Empfehlung an die Gemeinde.
Eine als «Judensau» bezeichnete Schmähplastik ist an der Stadtkirche Wittenberg zu sehen. © Hendrik Schmidt/dpa

Ein Expertenbeirat hat dem Gemeindekirchenrat der Stadtkirche Wittenberg eine «zeitnahe Abnahme» des antijüdischen Reliefs «Judensau» empfohlen. Das teilte ein Sprecher des Gremiums am Dienstag mit. Es gelte, «eine klare Veränderung der bisherigen Situation herbeizuführen, die die Plastik mit Titulatur der gegenwärtigen Sichtbarkeit entzieht». Am besten geschehe dies «durch die Abnahme und Verbringung in einen die Plastik adäquat kontextualisierenden Rahmen», heißt es in der Erklärung zur abschließenden Sitzung des 2020 einberufenen Expertengremiums.

Der Gemeindekirchenrat will nach bisherigem Stand Ende August zusammenkommen, um über die Empfehlungen zu beraten. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte im Juni entschieden, dass das als «Judensau» bezeichnete Sandsteinrelief aus dem 13. Jahrhundert an der Stadtkirche Wittenberg nicht entfernt werden muss. Durch eine Bodenplatte und einen Aufsteller mit erläuterndem Text habe die Kirchengemeinde das «Schandmal» in ein «Mahnmal» umgewandelt, befanden die obersten Zivilrichterinnen und -richter Deutschlands in Karlsruhe (Az. VI ZR 172/20). Die Entscheidung war auf Kritik und Unverständnis gestoßen.

Das Relief aus dem Mittelalter zeigt eine Sau, an deren Zitzen zwei Menschen saugen, die durch Spitzhüte als Juden identifiziert werden sollen. Eine laut BGH als Rabbiner geltende Figur hebt den Schwanz des Tieres und blickt in den After. Schweine gelten im jüdischen Glauben als unrein.

Wie geht es weiter?

Das neunköpfige Wittenberger Gremium empfehle der evangelischen Stadtkirchengemeinde, dass die Schmähplastik statt an der Kirche und damit für jeden sichtbar, künftig in einem geschützten Raum in unmittelbarer Nähe der Kirche sein sollte, erläuterte der Sprecher. Der Expertenrat habe sich dagegen ausgesprochen, das antijüdische Relief in einem Museum unterzubringen.

Stattdessen sollte es an einem geschützten Ort ein Ort des Lernens sein, an dem über Judenfeindschaft aufgeklärt wird. Judenhass reiche bis weit in die Geschichte zurück, auch in die Zeit von Martin Luther (1483-1546), erläuterte der Sprecher des ExperteNgremiums.

In der Stadtkirche hat der Theologe einst gepredigt, sie gilt als Ursprungskirche der Reformation. Das Gotteshaus steht unter Denkmalschutz und gehört wie alle Luther-Gedenkstätten in Sachsen-Anhalt zum Unesco-Welterbe. Der Reformator war wegen antisemitischen Äußerungen in die Kritik geraten.

Der Wittenberger «Beirat zur Weiterentwicklung der Stätte der Mahnung», dem Vertreter der evangelischen Kirche, des Judentums und des Denkmalschutzes angehören, empfahl zudem, die Dauerausstellung in der Stadtkirche neu zu konzipieren, um zu gewährleisten, dass Antijudaismus und Antisemitismus thematisiert werde.

© dpa
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