Inzidenz steigt weiter: Kommunen müssen Regeln verschärfen

12.08.2021 Essen ohne Corona-Test in einem Lokal, einfach wieder Freiheiten haben: In einigen Kommunen müssen diese wieder ein stückweit zurückgenommen werden, weil sie über der kritischen Inzidenz-Marke liegen. Ein Virologe sieht Nachlässigkeit bei der Politik.

Zahlreiche Menschen bevölkern eine Fußgängerzone in der Frankfurter Innenstadt. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Seit fast einer Woche steigen die Werte der Sieben-Tage-Inzidenz in Hessen kontinuierlich. Nach mehr Freiheiten für die Menschen müssen einige Kommunen nun wieder die Reißleine ziehen und die Maßnahmen verschärfen. In Hessen gelten seit Ende Juli deutlich entschärfte Corona-Regeln, wenn die Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern binnen sieben Tagen, in den einzelnen Kommunen den Wert von 35 nicht übersteigt. Seit Donnerstag liegen fünf Kommunen über dem Wert. In der Stadt Offenbach liegt er sogar über der 50-Marke. Andere Kommunen nähern sich dem Wert 35. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer sieht derzeit keine intensiven Bestrebungen der Politik, mit strengeren Regeln das Infektionsgeschehen einzudämmen.

Im Main-Taunus-Kreis (45,3), in Wiesbaden (38,8), in Frankfurt (38,3) und im Landkreis Offenbach (35,7) lagen die Werte am Donnerstag über 35. Damit fallen eigentlich die seit Juli gelockerten Regeln wie 750 statt 250 Menschen bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen oder im Freien 1500 statt 500 Teilnehmer, zuzüglich Geimpften und Genesenen. Das gleiche gilt für die Testpflicht in Innengastronomie.

Angesichts steigender Infektionszahlen verschärft die Stadt Offenbach ihre Corona-Regeln wieder. Von diesem Sonntag (15.8.) an gelte die sogenannte 3G-Regelung, teilte die Stadt am Donnerstag mit. Demnach dürfen unter anderem nur noch Genesene, Geimpfte oder negativ getestete Personen die Innengastronomie oder Veranstaltungen in Innenräumen betreten. Das gilt demnach unter anderem auch für körpernahe Dienstleistungen und Sport im Innenbereich. Die Teilnehmerzahl für Veranstaltungen werde zudem auf 500 Personen im Freien und 100 Menschen in Innenräumen zuzüglich Geimpfte und Genesene begrenzt. Am Donnerstag lag die Zahl der Neuinfektionen binnen sieben Tagen je 100 000 Einwohner in Offenbach bei 55,3.

Nach Angaben der Kreisverwaltung Offenbach erlässt das Gesundheitsamt eine Allgemeinverfügung, die am Samstag (14.8.) in Kraft tritt. Unter anderem ist dann für den Innenbereich von Gastronomiebetrieben ein negativer Coronatest notwendig - Genesene oder vollständig Geimpfte sind von der Pflicht befreit. Die Verfügung läuft bis 13. September.

Nur zwei Tage nach der Einführung von Lockerungen greifen in Hessens größter Stadt Frankfurt seit Donnerstag strengere Corona-Regeln. Nun ist unter anderem ein negativer Testnachweis für die Innengastronomie notwendig, bei Veranstaltungen gilt eine herabgesetzte maximale Teilnehmerzahl. Um die Maßnahmen wieder zu lockern, muss die Inzidenz an fünf aufeinanderfolgenden Tagen unter 35 liegen.

In der Landeshauptstadt Wiesbaden werden ab Samstag wegen einer Inzidenz über 35 strengere Regeln gelten. Die Allgemeinverfügung werde am Freitag veröffentlicht und trete einen Tag darauf in Kraft, teilte die Stadt mit. «Wir begrüßen es, dass das Präventions- und Eskalationskonzept einheitliche Vorgaben für die Corona-Regeln in ganz Hessen macht», erklärte Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD).

«Allerdings ist es für uns nur schwer nachvollziehbar, warum wir diese Vorgaben juristisch durch Allgemeinverfügungen auf kommunaler Ebene umsetzen müssen.» Es wäre effektiver und schneller, wenn es - so wie bereits im Frühjahr - eine rechtsverbindliche Landesverordnung mit Regelungen für verschiedene Inzidenzstufen gäbe.

Der Main-Taunus-Kreis hatte am Mittwoch mitgeteilt, dass es zunächst keine weiteren kreisweiten Corona-Einschränkungen geben wird, obwohl die Inzidenz-Schwelle von 35 überschritten wurde. Die gestiegenen Zahlen seien unter anderem auf einen Ausbruch in einer Senioreneinrichtung in Hattersheim zurückzuführen. Deshalb seien vorerst keine weiteren kreisweiten Einschränkungen notwendig, hatte der Kreis erklärt. Am Donnerstag sah die Lage dann anders aus, die Neuinfektionen seien nun weiter verbreitet, teilte eine Sprecherin mit. Über die verschärften Regeln werde beraten. In der Hattersheimer Senioreneinrichtung seien insgesamt vier Pflegekräfte betroffen, von denen drei im Kreis lebten, sowie 14 Bewohner, die alle doppelt geimpft gewesen seien, teilte die Sprecherin mit.

In Hessen sind am Donnerstag innerhalb eines Tages 431 weitere Corona-Infektionen gemeldet worden. Die Inzidenz stieg landesweit auf 26,9. Eine Woche zuvor hatte der Wert noch bei 19,7 gelegen.

«So früh wieder ansteigende Zahlen sind sicherlich nicht nur auf Reiserückkehrer zurückzuführen», sagte Virologe Stürmer der Deutschen Presse-Agentur. Es sei in der Bevölkerung der Eindruck entstanden, die Pandemie sei vorbei - aufgrund der Bilder von der Fußball-EM, der zahlreichen Lockerungen durch die Politik sowie der zunehmenden Impfquote. Dies berge die Gefahr, dass sich nach den Sommerferien das Infektionsgeschehen in die Schulen und Kindergärten verlagere, da auch dort bisher nur halbherzige Konzepte in Hessen existierten.

Wichtig sei mit Blick auf Herbst und Winter, die Impfkampagne neu zu beleben, gezielt am Ausbruchsgeschehen orientiert Maßnahmen lokal zu verschärfen und Kindergärten und Schulen sicherer zu machen. Auch Geimpfte und Genesene könnten sich infizieren oder das Virus weitergeben.

© dpa-infocom GmbH

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