Gute Experten-Noten für Entwicklung der Schulbildung

17.01.2022 Die Richtung stimmt, aber Defizite gibt es auch - Experten zeichnen in einem Bericht für Schleswig-Holstein ein recht positives, aber differenziertes Bild der Entwicklung des Schulwesens. Ministerin Prien nimmt eine Angebotslücke an der Westküste ins Visier.

Eine Lehrerin schreibt in einer Grundschule Worte an eine Tafel. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Experten haben der Entwicklung der Schulbildung in Schleswig-Holstein ein gutes Zeugnis ausgestellt. Er ziehe insgesamt ein positives Fazit, sagte Stefan Kühne vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) am Montag in einem Online-Pressegespräch. Er hat mit einem Team des Instituts einen 70-seitigen Bildungsbericht für das Land erstellt. In den vergangenen zehn Jahren habe Schleswig-Holstein in den meisten Bereichen eine positive Entwicklung genommen, sagte Kühne. Defizite machten die Fachleute aber auch aus, zum Beispiel bei Schulabschlüssen.

«Gute Bildung gelingt nur, wenn sie stets weitergedacht und -entwickelt wird», erklärte Bildungsministerin Karin Prien (CDU). «Dafür braucht es eine solide und verlässliche Datenbasis und die liefert uns der vorliegende Bildungsbericht.»

Der Bericht fasst wesentliche Daten zu Rahmenbedingungen, Gestaltung, Ergebnissen und Wirkungen des Schulsystems zusammen. Ein Beispiel für Handlungsbedarf aus Priens Sicht: In Nordfriesland und Dithmarschen gebe es gute Angebote bei Gymnasien und beruflichen Gymnasien, aber keine Gemeinschaftsschule mit Oberstufe. Dies müsse man sich genau angucken und die sehr niedrige Bevölkerungsdichte berücksichtigen. Deshalb könne man nicht einfach sagen: «Da bauen wir jetzt noch einfach zwei hin, jeweils eine im Kreis.» Darüber brauche man eine Debatte und Lösungen.

Unter Kommunalpolitikern und Schulträgern werde auch auf CDU-Seite niemand ernsthaft gegen eine Gemeinschaftsschule mit Oberstufe argumentieren, wenn man sie denn am Ort brauche, sagte Prien vor dem Hintergrund früheren Strukturstreits zwischen SPD und CDU. Die Gemeinschaftsschulen waren vor Jahren aus den Real- und Hauptschulen hervorgegangen. «Ich bin nicht dafür, überall Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe neu zu ermöglichen und ich bin vor allem nicht dafür, das Gymnasium zu verdrängen», sagte Prien.

Mit der Zweigliedrigkeit fahre das Land sehr gut. Eine große neue Schulstrukturdebatte werde nicht gebraucht. «Aber wir müssen uns anschauen, wie die Chancengerechtigkeit im Land auch mit Blick auf den Zugang zu unterschiedlichen Schulformen gewährleistet ist.» Die Zeit ideologischer Auseinandersetzungen darum sei vorbei. Ob man für Nordfriesland eine Gemeinschaftsschule brauche, sei keine ideologische Frage, auch nicht für die CDU.

Prien hob die Anstrengungen bei der Digitalisierung gerade in der Corona-Pandemie hervor: Rund 80 Prozent der Schulen hätten schnelles Internet, nach 14 Prozent 2014. «Wir haben in 85 Prozent der Schulen fest installiertes Wlan, wir haben die Endgeräte-Relation mehr als verdoppelt.» Und alle bedürftigen Schüler und Schülerinnen hätten Leihgeräte bekommen. Es gebe auch eine große Bereitschaft der Lehrkräfte, sich fortzubilden. Zwischen Januar 2020 und Mai 2021 habe es 1500 Online-Seminare mit knapp 27.000 Teilnehmer gegeben.

Als weiteren Schwerpunkt stellte Prien die kulturelle Bildung heraus, die ihr auch als Präsidentin der Kultusministerkonferenz besonders am Herzen liege. «Hier sind wir in Schleswig-Holstein sehr weit», sagte sie. Der Norden sei hier eines der Vorreiterländer. Bei der Lesekompetenz seien die Grundschüler vor Corona gut vorangekommen, unabhängig von der sozialen Herkunft. In der Pandemie habe die Lesekompetenz wegen weggefallenen Präsenzunterrichts aber gelitten.

DIPF-Experte Kühne lobte die Ganztagsangebote, Fortschritte bei der Digitalisierung, die Entwicklung der Gemeinschaftsschulen und die hohe Inklusionsquote. Von der hohen Durchlässigkeit des zweigliedrigen Schulsystems profitierten aber nicht alle Kinder und Jugendlichen. Von diesen verließen zu viele die Schule ohne Abschluss und landeten nicht direkt in einer Ausbildung. Das hänge auch mit der politisch gewollten extrem hohen Inklusionsquote zusammen, sagte Prien.

Der Bildungsbericht zeige, was bisher liegengeblieben sei und wo die nächste Landesregierung Schwerpunkte setzen müsse, meinte SPD-Bildungsexperte Martin Habersaat. Es hänge noch immer vom Zufall ab, welche digitalen Angebote Schüler vorfänden. Das Land habe viele Mittel aus dem Digitalpakt mit dem Bund noch nicht abgerufen. «Das liegt vor allem daran, dass jede Schule ein individuelles Konzept entwickeln und das Rad jeweils vor Ort neu erfunden werden soll.» Kein anderes Land gehe beim Digitalpakt so unfreundlich mit den Schulträgern um, was die Eigenbeteiligungen und den Einsatz von Landesmitteln angehe. 2005/06 habe Schleswig-Holstein bei Ganztagsangeboten über dem Bundesschnitt gelegen, 2019/20 darunter, kritisierte Habersaat.

© dpa-infocom GmbH

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