Kipping: «Aufsuchende» Impfangebote wichtig für Wohnungslose

07.01.2022 In Berlin kommt die Impfkampagne gegen Corona bei vielen Menschen nicht an. Die neue Sozialsenatorin Kipping lenkt den Fokus auf eine besonders gefährdete Gruppe.

Berlins Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke) spricht bei einem Interview. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Berlins neue Sozialsenatorin Katja Kipping hält eine Ausweitung der Corona-Impfangebote für wohnungslose Menschen für immens wichtig. «Auch unter Wohnungslosen gibt es beim Thema Impfen eine gewisse Skepsis», sagte die Linken-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. Schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit hätten zu Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen geführt.

«Deshalb ist der Ansatz des Aufsuchens so wichtig», erläuterte Kipping. «Denn ich glaube, wenn es Angebote dort gibt, wo man sich ohnehin aufhält, wo es ein Gefühl von Wärme gibt, wo man vielleicht schon mal das eine oder andere Beratungsgespräch hatte, ist das leichter.» Dann sei die Schwelle niedriger, sich eine Impfung geben zu lassen.

Kipping verwies auch auf Impfungen im wiedereröffneten Tagestreff für obdachlose Menschen im Hofbräuhaus in Mitte: «Ich bin sehr froh, dass es das mit der Wärmestube im Hofbräuhaus verbundene Angebot für Impfungen und für zertifizierte Tests gibt, denn dort kommen sehr viele Menschen vorbei», sagte die Senatorin. Das Projekt des Sozialträgers Gebewo wird maßgeblich vom Senat finanziert.

Das Konzept für die Obdachlosenbetreuung war im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Lokal entstanden, um während der Corona-Pandemie die Räume sinnvoll zu nutzen. Es bietet 200 Menschen Platz, inzwischen kämen teils bis zu 300 Menschen, schilderte die Leiterin des Tagestreffs, Natalja Miletic. Etwa 80 Gäste hätten am Freitag zum Auftakt das Impfangebot genutzt. «Leider waren darunter sehr viele Erstimpfungen.» Der Tagestreff bemühe sich nun um einen möglich zügigen Termin für die Zweitimpfung.

Kipping dankte auch anderen Trägern von Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, die an verschiedenen Stellen in der Stadt und zum Teil bei mobilen Aktionen Impfungen sowie Beratung dazu anbieten. Es gibt entsprechende Projekte etwa der Kältehilfe, in Sozialambulanzen und von Bezirken.

Eine Statistik zur Impfquote unter Menschen ohne Obdach oder eigene Wohnung wird in Berlin nicht geführt. Sie können auch in Impfzentren gehen, wie Kipping sagte. Dort sowie bei den «aufsuchenden» und anderen niedrigschwelligen Impfangeboten für Wohnungslose benötigten Betroffene keinen Ausweis, ergänzte sie. Sie könnten sich im Anschluss die entsprechenden Zertifikate auf ihre Handys herunterladen.

«Jedoch scheitert der Zugang zu normalen Bürgertests an den zahlreichen Teststellen oft an der Ausweispflicht», fügte Kipping hinzu. Da es sich um eine deutschlandweite Regelung handele, wolle sie auf Bundesebene hier «nachhaken» und für eine Änderung werben.

Neben wohnungslosen Menschen sind nach Einschätzung der Senatorin auch andere gesellschaftliche Gruppen in der Corona-Pandemie «aufgrund ihrer Wohn- oder Lebenssituation besonders verletzbar oder besonders gefährdet». Das betreffe etwa Menschen mit Behinderungen oder Menschen in Flüchtlingsunterkünften. «Für all diese Menschen ist es unglaublich wichtig, dass sie Zugang zu Tests oder zu Impfungen haben.»

Zum einen gehe es um den Gesundheitsschutz. «Aber es geht auch um gesellschaftliche Teilhabe. Aus gutem Grund gibt es Orte, wo 3G oder 2G herrscht», betonte Kipping. Diese Zutrittsregeln für Geimpfte und Genesene (2G) oder zusätzlich für Getestete (3G) dürften für die genannten Gruppen «kein weiteres Ausschlusskriterium» sein.

In Berlin leben nach einer ersten Zählung im Januar 2020 rund 2000 Obdachlose auf der Straße - wobei sich seinerzeit nicht alle zählen ließen. Hinzu kommen Zehntausende Menschen ohne feste eigene Wohnung, die mal hier und mal da übernachten.

© dpa-infocom GmbH

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