Gesundheitsämter schränken Kontaktnachverfolgung ein

19.01.2022 Berlins Gesundheitsämter ächzen seit Beginn der Pandemie unter der Corona-Last. Nun gibt es noch mehr Infektionen wegen Omikron - und die Behörden sehen sich zum Handeln gezwungen.

Eine Laborantin sortiert Proben. Foto: Christophe Gateau/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Wegen der starken Zunahme von Corona-Infektionen schränken Berlins Gesundheitsämter die Kontaktnachverfolgung weiter ein. «Die hohe Fallzahl hat eine noch stärkere Priorisierung zur Folge», sagte der Gesundheitsstadtrat von Charlottenburg- Wilmersdorf, Detlef Wagner, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Darauf hätten sich die Ämter der zwölf Bezirke verständigt. Sie wollen sich demnach bei der Kontaktnachverfolgung künftig noch mehr auf Menschen aus gefährdeten (vulnerablen) Gruppen oder auf besondere Ereignisse wie Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen konzentrieren.

Wagner verwies darauf, dass Gesundheitsämter die Nachverfolgung bereits vor Monaten reduziert hätten - nicht zuletzt wegen Personalmangels. «Wir können die Kontakte schon seit Oktober 2021 nicht mehr alle nachverfolgen», schilderte er die Situation in seinem Bezirk, die in anderen Bezirken ähnlich ist. Nun nehme die Zahl der Infektionen wegen der Virus-Variante Omikron stark zu. Allein in Charlottenburg-Wilmersdorf hätten sich rund 70 Beschäftigte zuletzt mehr als 1000 gemeldeten Corona-Fällen pro Tag gegenübergesehen.

Die Praxis zeige, dass sich die meisten Infizierten von allein in Isolation begäben, fügte Wagner hinzu. «Das Prinzip Eigenverantwortung funktioniert gut.» Gleichwohl bemühten sich die Mitarbeiter um individuelle Prüfung der Fälle.

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) hatte am Dienstag für neue Regeln zur Kontaktnachverfolgung plädiert. Geklärt werden müsse, an welchen Stellen dies noch sinnvoll sei, damit Gesundheitsämter «fokussierter arbeiten» und entlastet werden könnten. Giffey forderte dazu bundesweit einheitliche Vorgaben und kündigte an, das Thema bei der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) am kommenden Montag (24. Januar) anzusprechen.

Unterdessen sind aus der Berliner Bevölkerung Klagen zu hören, wonach die von Bund und Ländern vereinbarten neuen Regeln für die Isolation von Infizierten und die Quarantäne von Kontaktpersonen in den Bezirken teils unterschiedlich gehandhabt würden. Das sorge etwa bei Eltern und Kitas für Verunsicherung, wenn es um die Frage gehe, wie lange Kinder nach einer Corona-Infektion - oder deren Spielkameraden - zu Hause bleiben müssen.

Bezirksstadtrat Wagner sagte dazu, unterschiedliches Vorgehen der Ämter sei im Rahmen der Einzelfallprüfung rechtlich möglich. Gesundheitsämter könnten nicht weniger, aber in bestimmten Fällen durchaus mehr machen, als die Gesetzgebung vorsehe. Auch Schulen und Kitas könnten im Rahmen ihres Hausrechts in diesem Sinne abweichend handeln. Die neuen Regeln, die in Berlin seit dem vergangenen Freitag gelten, dienen dem Zweck, Quarantäne und Isolation zu verkürzen beziehungsweise die Quarantäne etwa bei Geboosterten - also Menschen mit Auffrischspritze - sogar zu vermeiden.

Corona breitet sich in Berlin so schnell aus wie nie zuvor. Für die vergangenen sieben Tage meldeten die Gesundheitsämter 1055,1 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner, wie der Gesundheitsverwaltung am Mittwoch mitteilte. Damit ist die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz zum ersten Mal seit Ausbruch der Pandemie vierstellig. Vor einer Woche hatte sie noch bei 856,4 gelegen. Im Bundesländervergleich ist sie nur in Bremen höher, wo sie laut Robert Koch-Institut 1295,6 beträgt.

Auf Ebene der Landkreise finden sich sechs Berliner Bezirke unter den zehn Kreisen mit der bundesweit höchsten Inzidenz, allen voran Berlin-Mitte mit einem Wert von 1797,5.

© dpa-infocom GmbH

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