Forscher: Früherer Kohleausstieg unter Bedingungen möglich

29.11.2021 Deutschland will eigentlich spätestens 2038 aus der Kohleverstromung aussteigen. Die Ampel peilt im Koalitionsvertrag sogar 2030 an. Das sorgt für Aufregung und Kritik in den betroffenen Regionen. Ein Wissenschaftler hält das Vorhaben für umsetzbar.

Ein Tagebau. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Einen früheren Ausstieg aus der Braunkohle bis 2030 hält der Wissenschaftler Felix Muesgens unter bestimmten Bedingungen für machbar. «Ein Kohleausstieg bis 2030 ist grundsätzlich möglich, aber dafür müssen zahlreiche Weichen richtig gestellt werden. Denn wenn das nicht passiert, steigen die Risiken», sagt der Forscher im Fachgebiet Energiewirtschaft an der Brandenburgischen-Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) der Deutschen Presse-Agentur. Wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht im erforderlichen Umfang gelinge, Infrastrukturprojekte vom Leitungsausbau bis zum Gaskraftwerk nicht umgesetzt würden, werde es zunehmend schwierig.

Bislang ist gesetzlich vereinbart, dass Deutschland bis spätestens 2038 aus der Kohleverstromung aussteigt. Zu den Kernpunkten des künftigen Regierungsprogramms der neuen Ampel-Koalition zählt es, die Anstrengungen für den Klimaschutz zu erhöhen. Der ursprünglich bis spätestens 2038 geplante Kohleausstieg soll «idealerweise» auf 2030 vorgezogen werden. Lausitzer Kommunen, Energiewirtschaft und Beschäftigte in der Branche kritisieren das Vorhaben.

Die Formulierung sei am Ende nicht ganz so hart ausgefallen, wie zu erwarten gewesen sei, sagt der Wissenschaftler. Im Koalitionsvertrag seien unter anderem Rückfallpositionen eingebaut, wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht in dem Tempo realisierbar sei. Das habe dann auch Auswirkungen auf die Kohleverstromung. Sein Eindruck sei trotzdem, dass sich «der Weg von Cottbus nach Berlin manchmal näher anfühlt, als von Berlin nach Cottbus». Muesgens kritisiert: «Insgesamt frage ich mich schon, ob eigentlich allen klar ist, auch in Berlin, wie lang die Investitionszyklen in der Energiewirtschaft sind.»

Für den Strukturwandel ist seinen Worten zufolge ein Bürokratieabbau notwendig. «Wir brauchen auf jeden Fall weniger Regulierung, um das hinzubekommen.» Um die richtigen Weichen zu stellen, müssten die Prozesse zudem ganzheitlich betrachtet werden, so der Forscher. «Wir brauchen ein Marktdesign, das Investitions- und Betriebsanreize dann auch für alle Flexibilitätsoptionen sendet - von der Nachfrage über die Speicher und die Gaskraftwerke bis hin zur Sektorenkopplung.»

Muesgens arbeitet gemeinsam mit 14 Professoren der BTU aus unterschiedlichen Fakultäten und mit 40 Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik an Projekten zur Energiewende. Eines davon beschäftigt sich mit Windkraftanlagen. Ein Virtual-Reality-Labor soll die Akzeptanz dieser Anlagen untersuchen, an der es regional in den Kommunen oftmals scheitert. «Wir wollen auch mit visuell dreidimensionaler Darstellung zeigen, wie das vor Ort aussehen würde, die Menschen mitnehmen und auch allgemeingültige Aussagen generieren», erklärt der Wissenschaftler. Mit den Ergebnissen solle der Landesregierung Wissen an die Hand gegeben werden.

Eine extra Stelle in der neuen Bundesregierung für den Strukturwandel sieht er eher zwiegespalten. Das habe Vor- und Nachteile. Es gebe bereits diverse Beauftragte, die sich mit diesem Thema befassten, so der Forscher. Wenn zu viele mitredeten, funktioniere das häufig nicht. Andererseits würde das der Lausitz noch eine andere Stimme geben.

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