Oberammergau: Text-Proben starten «mit vielen Fragezeichen»

07.01.2022 Im 17. Jahrhundert entstanden aus einem Pest-Gelübde, 2020 gescheitert an Corona: In gut vier Monaten will Oberammergau seine berühmten Passionsspiele nachholen. Die Proben haben begonnen - sie stehen unter neuen Corona-Unsicherheiten.

Spielleiter Christian Stückl. Foto: Angelika Warmuth/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Zwei Meter Abstand, alle frisch getestet: Nach fast zweijähriger Corona-Zwangspause hat der oberbayerische Ort Oberammergau am Donnerstagabend die Proben zu seinem berühmten Passionsspiel neu aufgenommen. Gut 110 Darsteller mit Sprechrolle hat Spielleiter Christian Stückl zur Leseprobe geladen. Nur alle zehn Jahre bringt das Dorf einem Pest-Gelübde folgend das Laienspiel vom Leiden, Sterben und von der Auferstehung Jesu auf die Bühne.

Im Frühjahr 2020 hatte Stückl die Passion wegen der Pandemie auf 2022 verschoben. Erstmals halten die Darsteller nun wieder das Textbuch in Händen. In die Kopien vertieft rezitierten sie ihre Passagen.

Einige Stühle sind leer geblieben. Mancher ist verhindert - und ein Apostel kuriert gerade seine Corona-Infektion aus. Es sei eine erste Probe mit «sehr vielen Fragezeichen», sagte Stückl. Gerade lässt die Virus-Variante Omikron die Infektionszahlen wieder besorgniserregend steigen - und für Theater gelten Beschränkungen der Zuschauerzahlen.

Eine Planung sei kaum möglich, sagt Stückl. Es sei nicht abzusehen, was zum geplanten Premierentermin am 14. Mai gelten werde. Im März werde man sich zusammensetzen und entscheiden, wie es weitergehe. «Wir müssen jetzt einfach mal loslegen und schauen, was rauskommt.»

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) habe vor einigen Tagen den Ort besucht und klargemacht, dass er sich ein volles Haus nicht vorstellen könne, sagte Stückl. Derzeit dürfte die Passion als internationale Großveranstaltung gar nicht stattfinden. Und unter der derzeitigen bayerischen Regel für Theater, nach der nur 25 Prozent der Plätze besetzt sein dürften, rechne es sich nicht.

Die Darsteller - jede Hauptrolle ist doppelt besetzt - starten dennoch mit Zuversicht in die neuen Vorbereitungen. «Es ist wichtig, dass wir jetzt loslegen», sagt «Jesus» Frederik Mayet. Den Text werde er «relativ schnell» wieder können, meint er. Er spielt den Christus schon zum zweiten Mal. Auch der zweite Jesus-Darsteller Rochus Rückel und Andrea Hecht, eine der beiden Marien, hoffen auf die Premiere.

«Ich freue mich», sagt auch Cengiz Görür, der den Judas gibt. Aufgeregt sei er - aber immerhin wächst der Bart jetzt richtig. Der Oberammergauer mit türkischen Wurzeln, der im Herbst an einer Schauspielschule anfängt, war 18, als er 2018 für die Rolle ausgewählt wurde - und mit dem Bartwuchs haperte es. Alle Darsteller - bis auf Engel und Römer - müssen sich seit Aschermittwoch 2021 Haare und Bärte wachsen lassen. So will es die Tradition.

Fast alle Darsteller sind trotz der Verschiebung geblieben. Nur wenige Rollen musste Stückl neu besetzen - darunter zwei Apostel. Vor zwei Monaten arbeitete er erstmals wieder am Text, auch wegen der Umbesetzungen. Wenn etwa einer der Räte seinen Satz nicht mehr finde, könne es sein, dass der «weggeflogen» sei, erläutert der 60-Jährige, der die Passion zum vierten Mal inszeniert. Die Arbeit am Text «zieht sich bis zum letzten Tag». Corona werde aber nicht vorkommen.

Vor der Probe schwört Stückl die Darsteller auf die Corona-Regeln ein. Er wolle, dass niemand ungetestet auf der Bühne sei. Für die Proben im Ammergauer Haus ist eigens eine Teststrecke aufgebaut, damit alle ihren Corona-Antigen-Test bekommen. «Das machen wir bei jeder Probe. Das ist verpflichtend», sagt Stückl. Darüber hinaus gilt 3G: Wer nicht geimpft oder genesen ist, muss regelmäßig einen PCR-Test vorlegen. Die Passionsspiele sind Arbeitgeber.

Walter Rutz, Geschäftsführer der Passionsspiele, ist zuversichtlich. Er sei froh, dass es jetzt losgehe - und die Test-Premiere sei erfolgreich gewesen. «Das Testen von gut 100 Leuten hat geklappt.»

Es wird ein logistischer Aufwand bleiben. Rund 2100 Oberammergauer und damit über ein Drittel der gut 5000 Einwohner wirken an der Aufführung mit. Bei Volks-Szenen spielen 600 bis 800 Menschen mit. Um mehr Abstand halten zu können, will Stückl das Volk zumindest für die Proben in zwei Gruppen teilen. «Das bringt etwas Luft hinein.»

Chor und Orchester proben teilweise bereits seit November. Zu rund 100 Aufführungen werden 450.000 Besucher erwartet - sofern nicht Corona das verhindert. Bisher sind rund 75 Prozent der Karten verkauft.

Die Passion geht auf ein Pest-Gelübde 1633 zurück. Die Oberammergauer versprachen damals, alle zehn Jahre das Spiel aufzuführen, wenn niemand mehr an der Seuche sterbe, was der Legende nach auch eintrat.

© dpa-infocom GmbH

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