Knobloch und Spaenle verlangen aktives Holocaust-Gedenken

27.01.2022 77 Jahre nach der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz ist der Antisemitismus noch lange nicht in Deutschland überwunden - im Gegenteil. Manche sehen sogar die Erinnerungskultur bedroht.

Charlotte Knobloch. Foto: Sven Hoppe/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Zum Holocaust-Gedenktag hat die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, ein deutliches Eintreten gegen das Vergessen angemahnt. «Es gibt zwar viele, die für dieses Erinnern offen sind und es pflegen wollen», sagte Knobloch der «Passauer Neuen Presse» am Donnerstag. «Ich sehe aber auch einen wachsenden Teil der Bevölkerung, der dieses Erinnern ziemlich harsch ablehnt. Dagegen müsste die Politik noch stärker Position beziehen.»

Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle (CSU) sprach sich für Besuche in KZ-Gedenkstätten, NS-Dokumentationszentren und die Begegnung mit Zeitzeugen aus. Dies sei «die wirkungsvollste Möglichkeit, um jungen Leuten auch 2022 die menschenverachtende Verfolgung und fabrikmäßige Ermordung von Jüdinnen und Juden, von Sinti und Roma vor Augen zu führen», sagte er.

Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, meinte, dass Menschenrechte und humanistische Wertorientierungen heute zunehmend in Bedrängnis kämen. «Menschen, die hierfür eintreten, werden bedroht und eingeschüchtert. Das bedeutet für uns Pädagogen Alarmstufe Rot», sagte Fleischmann. Die Erinnerung an die systematischen Verbrechen der Nazis bleibe wichtiger Teil des Bildungsauftrags der Schulen.

Die Generalkonsulin des Staates Israel in München, Carmela Shamir, ist bestürzt angesichts antisemitischer Auswüchse auf den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. «Wir waren schockiert, als wir die Slogans gesehen haben und die Bilder von Menschen, die den Davidstern tragen», sagte Shamir der Deutschen Presse-Agentur bei ihrem Antrittsbesuch im baden-württembergischen Innenministerium in Stuttgart. «Das Ausmaß hat uns erschüttert.» Shamir ist als Israels Konsulin für ganz Süddeutschland zuständig.

Knobloch sagte ebenfalls mit Blick auf judenfeindliche Hetze bei Corona-Demonstrationen: «Ich hätte gerne, dass die Vertreter von Kirchen, von Vereinen und Vereinigungen in der Gesellschaft sehr viel klarer Flagge gegen Antisemitismus und Rassismus zeigen.» Sie beklagte angesichts der vielen antisemitischen Vorfälle in der Bundesrepublik: «Der Eindruck von wachsendem Juden-Hass hat sich verfestigt.»

Am 27. Januar wird an die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz 1945 und an die Opfer der Nationalsozialisten erinnert, darunter Millionen Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und politische Gegner des NS-Regimes. Als Kind war die heute 89 Jahre alte Knobloch selbst vor dem Holocaust gerettet worden.

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