Kirchenschließungen kein Tabu: «Kulturwandel»

09.12.2021 Das Erzbistum München und Freising gilt als eines der reichsten katholischen Bistümer in Deutschland. Doch auch die reiche Diözese muss sparen. Steht ein «Kulturwandel» bevor?

Die Sonne geht am frühen Morgen zwischen den beiden 99 Meter hohen Türmen der Frauenkirche auf, die im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt steht. Foto: Peter Kneffel/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Wie viel Zeit sollte ein Priester in die Kommunionvorbereitung stecken, wenn die Kinder nach der Erstkommunion oft nicht wieder in die Kirche kommen? Wie viel Geld kann die katholische Kirche noch in Kindertagesstätten investieren? Und braucht's wirklich noch jedes Pfarrheim, jedes Pfarrhaus, jede Kirche? Das Erzbistum München und Freising stellt sich in Zeiten einbrechender Kirchensteuereinnahmen unangenehme, grundsätzliche Fragen.

Vor mehr als einem Jahr hat das Bistum einen sogenannten Gesamtstrategieprozess gestartet, der sich der Frage widmen soll, was sich die Kirche künftig noch leisten kann - und was eben auch nicht mehr. Die ersten Ergebnisse, die Generalvikar Christoph Klingan am Donnerstag in München vorstellt, klingen noch sehr vage, doch die Zeichen stehen auf grundlegende Veränderungen, auf einen «Kulturwechsel» gar, wie er sagt.

Eine konkrete Frage sei beispielsweise «Welche Gebäude brauchen wir nicht mehr?», sagt Klingan. Seinen Angaben zufolge besitzt das Bistum derzeit mehr als 7000 Immobilien. Wie viele davon nun abgestoßen werden sollen, sei aber noch nicht klar.

«Immobilien sollen erhalten werden, wenn sie für seelsorgliche und andere kirchliche Angebote gebraucht werden», heißt es in einer Zusammenfassung der Ergebnisse des Gesamtstrategieprozesses. «Wenn das nicht der Fall ist, kommt eine Aufgabe von Gebäuden ebenso in Betracht wie eine verstärkte gemeinsame Nutzung, zum Beispiel mit ökumenischen oder kommunalen Partnern.»

Auch die seelsorgerischen Angeboten in den einzelnen Pfarrgemeinden sollen auf den Prüfstand kommen. Wenn nur drei Menschen einen Gottesdienst besuchen - wie wichtig ist es dann, an diesem Gottesdienst festzuhalten? Eine «Umnutzung im kirchlichen Kontext» steht in solchen Fällen im Raum, wie ein Sprecher des Erzbistums sagt. Beispielsweise könnten Kirchen und Pfarrheime zusammengelegt werden. Auch über ökumenische Kooperationen könne man nachdenken, sagt Klingan.

Die hohe Zahl der Kirchenaustritte und die dadurch fehlenden Einnahmen aus Kirchensteuern setzen der katholischen Kirche zu. Die Prognosen für die kommenden Jahre sind einigermaßen düster. Das Erzbistum München erwartet nach Angaben in der Jahrespressekonferenz im Sommer für das laufende Jahr 2021 ein Minus von mehr als zwölf Millionen Euro. Es wäre das zweite Minus in Folge. Die Diözese muss auf Rücklagen zurückgreifen, um die fehlenden Einnahmen auszugleichen.

Für das laufende Jahr geht das Bistum von Kirchensteuereinnahmen von gut 615 Millionen Euro aus. Das wären rund 32 Millionen weniger als 2020. Im Jahr 2019 waren es noch 665 Millionen. Insgesamt wird die Diözese den Prognosen zufolge in diesem Jahr rund 849 Millionen Euro ausgeben müssen - das meiste davon für Personalkosten, aber nur 824 Millionen einnehmen. Und das obwohl die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise bislang glimpflicher ausgefallen sind als befürchtet.

Das Erzbistum gilt als eines der reichsten in Deutschland, hat aber - wie alle anderen Diözesen auch - mit den Auswirkungen der Corona-Krise zu kämpfen, weil diese auch ein Minus an Kirchensteuern bedeuten. Auch die anderen bayerischen Diözesen müssen sparen.

Die Reformgruppe «Wir sind Kirche» sieht die Pläne des Bistums kritisch und die Gefahr, «dass das, was jetzt mit großem Aufwand als «nachhaltige strategische Orientierung der Erzdiözese» bezeichnet wird, letztlich zu einem rigorosen Sanierungsplan für Geld-, Gebäude- und Personalkürzungen führen wird», wie Sprecher Christian Weisner sagt.

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