Impfskeptiker Aiwanger macht kehrt

11.11.2021 Bayern ist eine Hochburg der Impfgegner - und zwei der prominentesten Skeptiker wohnen im Freistaat: Freie Wähler-Chef Hubert Aiwanger und Fußballprofi Joshua Kimmich. Der Eine hat nun die Wende vollzogen - eine Meldung, die steigende Impfbereitschaft signalisieren könnte.

Hubert Aiwanger nimmt nach einer Kabinettssitzung an einer Pressekonferenz teil. Foto: Sven Hoppe/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Mit Bayerns Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger hat sich einer der prominentesten Impfskeptiker Deutschlands nach monatelangem Zögern gegen Corona impfen lassen. Der Freie Wähler-Chef begründete das am Donnerstag mit der schwierigen Lage in den Kliniken, die mit schnell steigenden Zahlen von Corona-Intensivpatienten konfrontiert sind. «Das hilft auch, Krankenhäuser zu entlasten», sagte Aiwanger am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Bayern hat die niedrigste Impfquote in Westdeutschland. Sowohl Infektions- als auch Todeszahlen schießen schnell in die Höhe. Das Robert Koch-Institut meldete am Donnerstag 13.456 Neuinfektionen und 71 Corona-Tote in Bayern - beides im Vergleich zum übrigen Deutschland weit überdurchschnittliche Werte.

Aiwangers erste Impfung liegt offenbar schon länger zurück, ohne dass er das publik gemacht hätte: «Ich bin mittlerweile gegen Corona geimpft und kann noch im November 2G-Termine wahrnehmen», sagte er der dpa. Zu Einzelheiten äußerte sich der Wirtschaftsminister nicht.

Damit setzte Aiwanger den Schlusspunkt unter einen bitteren Streit mit der CSU. Während des Bundestagswahlkampfes hatte es wochenlange Auseinandersetzungen in der bayerischen Koalition gegeben. Aiwanger wurde zum bundesweit bekannten Impfskeptiker - neben FC Bayern-Profi Joshua Kimmich. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte seinen Vize dafür scharf kritisiert und ihm vorgehalten, Regierungsmitglieder müssten Vorbilder sein.

CSU-Politiker warfen Aiwanger vor, sich aus politischem Kalkül nicht impfen zu lassen und im Lager von Querdenkern und Impfgegnern auf Stimmenfang zu gehen. Doch ging es dabei keineswegs nur um den Gesundheitsschutz: Viele in der CSU grollten Aiwanger grundsätzlich, dass er mit seinen Freien Wählern zur Bundestagswahl angetreten war und der CSU Stimmen wegnahm. Nach der Unions-Niederlage gab es auch Vorwürfe aus der CSU, Aiwanger sei schuld am Wahlergebnis.

Aiwanger selbst betonte am Donnerstag, er sei kein Impfgegner: «Ich habe bereits im Sommer gesagt, dass ich mir die Impfung überlege und dass die Krankheitsverläufe besonders bei gefährdeten Personen mit Corona-Impfung milder sind.»

Tatsache ist, dass Aiwanger mit seiner Skepsis im Sommer bundesweit bei vielen Bürgern auf Widerhall stieß, die Angst vor einer Impfung haben, aber dem rechten Querdenkerlager fernstehen. Gerade in Bayern gibt es viele Impfgegner in ansonsten eher grün-alternativ angehauchten Milieus: Anhänger von Naturheilkunde und Homöopathie sind darunter ebenso wie Montessori- und Waldorf-Eltern.

Und ganz abgesehen davon zeichnet sich die Bevölkerung im Süden Bayerns - wo derzeit die Infektionsraten am höchsten sind - schon seit Jahrhunderten durch überlieferte Aufsässigkeit gegen die Staatsgewalt aus. Wo im 19. Jahrhundert Wilderer und Räuber zu Volkshelden wurden, gibt es heute überdurchschnittlich viele Impfgegner.

Die Impfquote in Bayern lag am Donnerstag laut Dashboard des Bundes bei 65,3 Prozent, niedriger als in allen anderen westlichen Bundesländern. Bremen, das Saarland, Hamburg, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben dagegen Impfquoten von über 70 Prozent.

Doch im Sommer, als Söder und Aiwanger ihren Streit ausfochten, waren die Infektionszahlen noch sehr niedrig. Mittlerweile liegt der niederbayerische Landkreis Rottal-Inn mit einer 7-Tage Inzidenz von 1140,4 bundesweit an der Spitze, einhergehend mit einer außerordentlich niedrigen Impfquote. Das Robert Koch-Institut meldete 13.456 Neuinfektionen in Bayern, über 3000 mehr als am Vortag. Das RKI meldete am Donnerstag 71 neue Todesfälle. Im Wochenvergleich haben sich die Todeszahlen seit Anfang Oktober mehr als verdoppelt.

Unter Querdenkern und Impfgegnern sind Verschwörungstheorien weit verbreitet, dementsprechend fielen deren Twitter-Kommentare über den Freie Wähler-Chef spöttisch bis hämisch aus: «Hubert Aiwanger ist geimpft. Und dich kriegen wir auch noch», schrieb ein Twitter-Nutzer.

Während ein kleiner Teil der Bürger die Impfkampagne für einen Anschlag auf Freiheit und Gesundheit hält, werfen viele andere - inklusive prominenter Wissenschaftler - der Politik vor, dem Anstieg der Infektionszahlen zu lange tatenlos zugesehen zu haben. Und dementsprechend hofft nun CSU-Chef Söder, dass Aiwangers Beispiel Schule macht: «Das ist ein sehr gutes Signal in ernsten Zeiten», sagte Söder. Denn wer Sorge vor einer Impfung hat, ist nicht automatisch Querdenker.

Ob Fußballstar Kimmich als zweiter prominenter bayerischer Impfskeptiker nun ebenfalls über eine Impfung nachdenkt, ist indes unbekannt. Derzeit ist der Bayernprofi in Quarantäne.

© dpa-infocom GmbH

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