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Verletzte ukrainische Soldaten lernen mühsam wieder Laufen

Zehntausende Ukrainer werden im Kampf gegen die russischen Besatzer verwundet. Wie viele es sind, sagt das angegriffene Land nicht. Für jeden Schwerverletzten ist es ein langer Weg in ein neues Leben.
Reha für verletzte ukrainische Soldaten
Reha in der Ukraine

Mit zerfetztem Fuß lag der ukrainische Soldat Kostjantyn Tschekalkyn 15 Stunden lang auf einem Gefechtsfeld im Osten. Verletzt wurde er, als sein Infanterietrupp eine eroberte Stellung wieder räumen musste. Drei russische Panzer griffen an. «Als wir uns zurückzogen, bin ich auf eine Mine getreten», erzählt der 36-Jährige.

Tschekalkyn ließ sich von seinen Kameraden deren Munition und Granaten geben und deckte ihren Abzug. Mit einer Aderpresse, einem Tourniquet, band er das verletzte Bein unterhalb des Knies ab. Er notierte die Zeit: Zwölf Uhr mittags. Und er schrieb, wie er sagt, etwa 100 SMS auf dem Handy, um seine Position durchzugeben.

Seit diesem Sommer kann Tschekalkyn wieder laufen

Als abends für Sekunden Empfang über dem Schlachtfeld herrschte, kamen zwei Botschaften durch. Eine ging an seinen Vater: «Ich habe ihn gebeten, dass er es Mama schonend beibringt.» Die zweite SMS erreichte seinen Vize-Kompaniechef. Nachts um drei kamen Kameraden in einem US-Jeep Humvee und brachten den Verwundeten in Sicherheit.

All das geschah im September 2022 bei der Stadt Siwersk im Donbass. Seit diesem Sommer kann Tschekalkyn wieder laufen - mit einer Übungsprothese. Sein Fuß war nicht zu retten gewesen. Er hat eine Odyssee hinter sich: Drei Krankenhäuser im frontnahen Gebiet Donezk, drei Kliniken in Dnipro, nun seit Monaten Reha in der Hauptstadt Kiew.

Fahrlehrer geht freiwillig in den Krieg

Als Russland im Februar 2022 seinen großangelegten Krieg gegen die Ukraine entfesselte, meldete sich der studierte Ingenieur und Direktor einer Fahrschule in Saporischschja sofort freiwillig. «Ich hatte vorher noch nie eine Maschinenpistole in der Hand gehabt.» Nun ist Tschekalkyn einer der Zehntausenden verwundeten Soldaten, die die Ukraine medizinisch versorgen und gesund pflegen muss. Viele bleiben versehrt.

Die genauen Zahlen hütet das angegriffene Land als Staatsgeheimnis. Quellen in der US-Regierung sprachen im August von 70.000 getöteten ukrainischen Soldaten und 100.000 bis 120.000 Verwundeten. Auf russischer Seite sollen demnach 120.000 Soldaten getötet und 170.000 bis 180.000 verwundet worden sein, berichtete die «New York Times». Als Teil der Unterstützung haben Deutschland und andere Staaten immer wieder verletzte ukrainische Soldaten aufgenommen.

Selbst wenn die Zahlen niedriger sein sollten - in dem chirurgischen Krankenhaus in Kiew, wo auch Tschekalkyn behandelt wird, sind Dutzende Patienten in Armeekleidung zu sehen. Seine Klinik versorge schwerstverwundete Soldaten schon seit 2014, als russische Kräfte den Donbass besetzten, berichtet der Chefarzt. Er will sein Krankenhaus nicht identifiziert sehen, weil es ein mögliches Angriffsziel sei.

Zivilisten müssen auf OP warten

Nun arbeiteten die Ärzte schon seit 20 Monaten unter Luftalarm, Stromausfällen, der Angst vor Bombentreffern - und mit wesentlich mehr Patienten. Die Hälfte der Betten werde vom Militär belegt, sagt der Chefarzt. «Zivilisten müssen oft zwei oder drei Wochen warten, bis sie operiert werden.» Die Verletzungen seien in diesem Krieg schwerer als zuvor, weil die Waffen stärker geworden seien.

«Der Einsatz von Waffen mit hoher Energie führt bei unseren Verwundeten zu großen Defekten an Knochen, Gewebe und Nerven, zu infektiösen Komplikationen», sagt auch die Chefin der Reha-Abteilung, Natalija Borsych. Deshalb sei der Heilprozess bei den Soldaten komplizierter und dauere länger als bei Verletzungen im Zivilleben.

Im Gymnastikraum mühen sich mehrere Männer mit Widerstandsbändern, Expandern und Hanteln. Nach den Operationen verfolge die Reha einen umfassenden Ansatz, sagt Borsych: Physiotherapie, Ergotherapie, Orthesen und Psychotherapie. Es sei wichtig, bei den Patienten nicht nur die Funktion der Gliedmaßen wiederherzustellen, sondern sie in den Alltag zurückzuführen, «Lebensqualität und Vitalität zu erhalten». Die Soldaten spielen in der Therapie mit Hunden; sie freuen sich an einem Chinchilla, das auf der Station gehalten wird.

Die Medaille, die nicht viel bedeutet

Dmytro Uschtschenko (41) läuft noch mühsam an Krücken. Ein Geschoss aus einem Maschinengewehr hat ihm den linken Oberschenkelknochen zertrümmert. Er zeigt auf seinem Handy eine Röntgenaufnahme, welch langes Metallteil ihm den Knochen ersetzt. «Jetzt ist das Problem, dass der Knochen nicht nachwächst», sagt er. «Das zweite Problem ist, dass das Knie sich nicht beugen lässt.» Die Krankengymnastik bringe nur allmählich die Beweglichkeit zurück.

Der Kinderbuchverleger aus Kiew hat sich ebenfalls freiwillig zur Armee gemeldet. Nur hatte er aus Studienzeiten schon einen Rang als Leutnant der Reserve, «auch wenn ich alle Vorlesungen in Wehrkunde verschlafen habe». So musste er auch ohne Erfahrung ziemlich schnell Soldaten im Gefecht führen und war stellvertretender Kompaniechef.

Verwundet wurde er im Dezember 2022 in der Nähe von Bachmut, der Stätte der intensivsten Schlacht an der Ostfront. «Genau einen Tag nach meinem Geburtstag kam dieses Geschenk geflogen», sagte er. Unter russischem Artilleriefeuer hatten seine Leute verängstigt ihre Stellung geräumt und ihr schweres Maschinengewehr zurückgelassen. Er habe mit acht Mann einen Sturmtrupp gebildet, um es zu bergen. Bis heute wurmt ihn die Vorstellung, dass die Kugel, die ihn traf, von den Russen vielleicht aus diesem Maschinengewehr abgefeuert wurde. Für die Aktion bekam er einen Orden, das Stahlkreuz, das ihm nicht viel bedeutet. «Es gibt viele Leute, die gar nichts bekommen haben.»

Viele wollen zurück in den Krieg

Die Soldaten hätten nicht nur mit ihren Verletzungen zu kämpfen, sondern auch mit viel Papierkrieg, zum Beispiel bei der Anerkennung als schwerbehindert, sagte Uschtschenko. «Alle Verletzten sind Opfer der Bürokratie.» Doch wie geht es mit ihnen weiter? Die Armee entlässt sie nicht, solange der Krieg andauert. Viele Versehrte rücken in Posten hinter der Front ein, in Schreibstuben und Stabsarbeit, in die Musterungsämter.

Aber diese Männer wollen auch von sich aus ihre Ukraine weiter verteidigen. «Dort hast Du etwas Sinnvolles gemacht, und hier bist du nutzlos», klagt Uschtschenko. Er will wieder nahe an die Front, nicht in einen Stab. Der fußamputierte Tschekalkyn hofft auf einen Posten in Kiew, will Offizier werden, seine Kampferfahrung weitergeben. Privat hat er sein Glück gefunden: Er verliebte sich in eine Krankenschwester - seine Zukünftige ist im fünften Monat schwanger.

© dpa ⁄ Friedemann Kohler, dpa
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