Streit und Sorge um ukrainisches Atomkraftwerk

Das AKW Saporischschja im Süden der Ukraine ist in der Hand von russischen Truppen. Moskau will die Anlage auf die Krim umstellen, der ukrainische Atomkonzern droht in diesem Fall mit einer Zerstörung der Stromleitung.
Das Kernkraftwerks Saporischschja liegt in einem Gebiet unter russischer Militärkontrolle im Südosten der Ukraine. © Russian Defense Ministry/AP/dpa

Nach dem Beschuss von Europas größtem Atomkraftwerk Saporischschja im von Russland besetzten Süden der Ukraine streiten Russland und der Westen um die Sicherheit des Kraftwerks.

Das russische Außenministerium wirft den Vereinten Nationen erneut vor, eine Inspektion des Kernkraftwerks durch Experten der Internationalen Atombehörde (IAEA) verhindert zu haben. Die Außenminister der sieben führenden demokratischen Wirtschaftsmächte (G7) forderten Moskau auf, das Kraftwerk wieder der Kontrolle der Ukraine zu unterstellen. «Es ist Russlands fortdauernde Herrschaft über das Kernkraftwerk, die die Region gefährdet», kritisierten sie.

Ukrainischer Atomkonzern droht mit Zerstörung von Stromleitung

Die Ukraine hat für den Fall eines Anschlusses an die von Russland annektierte Halbinsel Krim mit einem Kappen der Stromleitungen gedroht. «Ich denke, unsere Streitkräfte werden dazu bereit sein, wenn es nötig ist», sagte der Chef des staatlichen Atomkraftwerksbetreibers Enerhoatom, Petro Kotin, der Agentur RBK-Ukrajina. Dazu könne es kommen, bevor das Kraftwerk vom ukrainischen Netz getrennt wird.

Kotin zufolge will Russland seit langem das AKW mit der Krim verbinden. «Dafür muss das Kraftwerk komplett vom ukrainischen Energiesystem abgeschaltet und an die Leitung angeschlossen werden, welche die Krim mit dem Wasserkraftwerk Kachowka verbindet», erklärte der 61-Jährige. Kotin sagte auch, dass die ukrainischen Truppen die Stromleitungen beschießen würden, wenn Russland das Atomkraftwerk an sein Netz anschließe.

Das in der Stadt Enerhodar gelegene Atomkraftwerk wurde am Wochenende beschossen und teils beschädigt. Russland und die Ukraine geben sich gegenseitig die Schuld. Die kritische Infrastruktur soll aber intakt sein. Nach der Notabschaltung eines Blocks sind zwei Reaktoren weiter in Betrieb. Auf Initiative Russlands soll sich der UN-Sicherheitsrat an diesem Donnerstag mit dem Beschuss beschäftigen. IAEA-Chef Rafael Grossi soll das Gremium über den Zustand des AKW unterrichten.

Moskau wirft UN «verantwortungsloses Handeln» vor

Die G7-Außenminister warnen, das Vorgehen Russlands an dem Kernkraftwerk Saporischschja erhöhe das Risiko eines nuklearen Zwischenfalls. «Das ukrainische Personal, das für den Betrieb des Kernkraftwerks Saporischschja verantwortlich ist, muss in der Lage sein, seinen Aufgaben ohne Drohungen oder Druck nachzukommen», teilte das Auswärtige Amt in Berlin in einer Erklärung der G7-Außenminister mit. Es sei wichtig, Fachleute der IAEA zu entsenden, die mit dem ukrainischen Personal, das für den Betrieb der Anlagen verantwortlich sei, ungehindert in Kontakt treten könnten. Die G7 bezogen ihre Forderung auch auf sämtliche anderen kerntechnischen Anlagen innerhalb der international anerkannten Grenzen der Ukraine.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, wirft dagegen den Vereinten Nation «verantwortungsloses Handeln» vor. Das russische Außenministerium hatte zuvor beklagt, dass eine geplante Reise von IAEA-Vertretern zu dem Atomkraftwerk an Sicherheitsbedenken des zuständigen UN-Sekretariats gescheitert sei. «Im UN-Sekretariat, welches sich mit Problemen der Atomenergie befasst, darunter auch mit den Folgen technischer Katastrophen und der Problematik im weitesten Sinne, sollten sie begreifen, dass die Welt am Abgrund wandelt», erklärte Sacharowa.

«Das AKW Saporischschja funktioniert mit dem Risiko von Verstößen gegen die Vorgaben der Strahlungs- und der Brandsicherheit», teilte der Kraftwerksbetreiber Enerhoatom mit. Der Chef der Behörde, Petro Kotin, beschuldigte Russland im ukrainischen Fernsehen, mit dem gezielten Beschuss von Hochspannungsleitungen auf dem Kraftwerksgelände das AKW vom ukrainischen Netz trennen und es dann an die 150 Kilometer entfernte Halbinsel Krim anschließen zu wollen.

© dpa
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