Iran: Gerichtsmedizin schließt Polizeigewalt gegen Amini aus

Mahsa Aminis Tod Mitte September hat landesweite Proteste im Iran ausgelöst. Ein Bericht soll nun bezeugen, dass sie wegen einer Erkrankung verstorben sein soll. Die Familie sagt, sie sei nicht krank gewesen.
Eine Iranerin beteiligt sich in Frankfurt an einer Demonstration gegen das politische Regime im Iran. Dabei hält sie ein Plakat mit dem Bild der 22-jährigen Mahsa Amini in den Händen. © Boris Roessler/dpa

Das staatliche Institut für Gerichtsmedizin hat im Zusammenhang mit dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini Polizeigewalt ausgeschlossen. In dem am Freitag veröffentlichten Bericht zu Aminis Tod wird nach Angaben des Nachrichtenportals Misan erklärt, dass die iranische Kurdin schon seit ihrer Kindheit an einer Schilddrüsenkrankheit gelitten habe.

Die Untersuchungen sollen demnach ergeben haben, dass es wegen der Vorerkrankung nach ihrer Verhaftung zu einem Herzversagen gekommen sei - was zu ihrem Tod geführt habe. Polizeigewalt sei ausgeschlossen, weil bei der Leiche etwa keine Spuren von einem Schlag auf dem Kopf gefunden wurden.

Aminis Eltern hatten in den letzten Wochen mehrmals eine Vorerkrankung bei ihrer Tochter dementiert. Sie sei bis zu ihrer Verhaftung durch die Sittenpolizei völlig gesund gewesen und alle gegenteiligen Behauptungen seien gelogen, so die Familie. Die iranische Justiz wirft der Familie Amini wiederum vor, die Gesetze im Land zu missachten und mit dem Fall ihrer Tochter politische Stimmung gegen das iranische System machen zu wollen.

Die Sittenpolizei hatte Amini im September wegen ihres «unislamischen Outfits» festgenommen. Sie fiel ins Koma und starb am 16. September im Krankenhaus. Die Polizei weist zurück, Gewalt angewendet zu haben. Der Tod der 22-Jährigen hatte landesweite Proteste gegen den Kopftuchzwang und die islamische Führung ausgelöst. Sicherheitskräfte gehen auch mit Gewalt gegen Demonstranten vor, Dutzende Menschen wurden getötet.

Elite-Universität Scharif bleibt geschlossen

Nach der Niederschlagung von Protesten an der Scharif-Universität in Teheran bleibt die Hochschule bis auf Weiteres geschlossen. «Solange die Sorgen (um Unruhen) nicht ausgeräumt sind, bleibt die Hochschule geschlossen und der Unterricht wird lediglich online stattfinden», heißt es nach Angaben des Nachrichtenportals Entekhab am Freitag in einer Presseerklärung der Einrichtung.

Online-Unterricht ist durch die von der Regierung verhängten Internetsperren aber technisch kaum möglich. Die iranische Führung hatte als Reaktion auf die regierungskritischen Proteste im Land das Internet stark eingeschränkt.

Am vergangenen Sonntag waren Sicherheitskräfte an der Scharif-Universität mit Gewalt gegen Studierende und Professoren vorgegangen. Polizisten und Milizen riegelten den Campus zwischenzeitlich ab. In den sozialen Medien war von einem Polizeiangriff und «bürgerkriegsähnlichen» Zuständen die Rede. Die iranischen Staatsmedien hatten die Berichte als übertriebene Stimmungsmache gegen das System zurückgewiesen.

Seit Beginn der landesweiten Proteste im September demonstrieren auch Studierende an zahlreichen Universitäten gegen die Führung der islamischen Republik und ihren repressiven Kurs gegen Frauen.

Baerbock: Wir schauen nicht weg

Außenministerin Annalena Baerbock pocht auf weitere europäische Sanktionen gegen Verantwortliche für das gewaltsame Vorgehen iranischer Sicherheitskräfte gegen regierungskritische Demonstranten. Die Verantwortlichen für die Repressionen sollten nicht mehr nach Europa einreisen können, ihr Vermögen in der EU müsse eingefroren werden, forderte die Grünen-Politikerin am Freitag nach einem Gespräch mit ihrem pakistanischen Amtskollegen Bilawal Bhutto Zardari in Berlin. Das Auswärtige Amt habe im Zusammenhang mit dem Vorgehen der Sicherheitskräfte bereits zwei Mal den iranischen Botschafter in Deutschland einbestellt.

Baerbock sagte, sie erhalte aus dem Iran viele Zuschriften etwa über soziale Medien, «die Stimme dieser mutigen Menschen weiterzutragen». Die Ministerin betonte: «Wir schauen nicht weg, wenn auf brutalste Art und Weise friedliche Demonstranten, Teenager, zum Teil Kinder niedergeschlagen werden. (...) Wir werden in unserer Solidarität mit diesen mutigen Frauen und Männern nicht ablassen. Da können noch so viele Wasserwerfer auf der Straße sein oder Knüppel geschwungen werden.» Die junge Generation im Iran mache deutlich, dass sie sich ihren Mund nicht verbieten lasse. «Wir werden daher weiter die Stimme dieser Menschen sein» - etwa im UN-Menschenrechtsrat.

© dpa
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