Unicef: Ukraine-Krieg verschärft Mangelernährung von Kindern

17.05.2022 Der Krieg in der Ukraine verursacht nicht nur Leid in dem Land selbst, sondern hat auch schwerwiegende Folgen für die globale Lebensmittelversorgung. Besonders betroffen sind Millionen Kinder weltweit.

Ein neuer Unicef-Bericht warnt, dass die Zahl der von Mangelernährung betroffenen Kinder steigen werde. © Angelika Warmuth/dpa

Der Ukraine-Krieg verschärft nach Unicef-Angaben das Problem schwerer Mangelernährung bei Kindern in der ganzen Welt.

Schon jetzt kämen dadurch jedes Jahr mehr als eine Million Kinder um, heißt es in dem am Dienstag veröffentlichten Unicef-Bericht «Schwere akute Mangelernährung: Eine tödliche Gefahr für Kinder». Doch jetzt könnten noch deutlich mehr Kinder sterben.

«Der Krieg in der Ukraine hat auch gravierende Folgen für Kinder, die weit weg vom Kriegsgebiet, zum Beispiel in Somalia oder Jemen oder Afghanistan leben», sagte Rudi Tarneden, Sprecher von Unicef Deutschland, der Deutschen Presse-Agentur in Köln. «Ihre Familien können die steigenden Kosten für Nahrungsmittel nicht mehr aufbringen, die Kinder bekommen weniger und schlechtere Nahrung zu essen. Durch den Krieg ist die globale Versorgungskette teilweise unterbrochen, Hilfslieferungen kommen nicht nach.»


Ägypten, Tunesien, Marokko oder auch Bangladesch importieren große Teile ihres Weizens aus Russland und der Ukraine - insgesamt sind nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO rund 50 Länder auf Einfuhren von dort angewiesen. Somalia bezieht nach Unicef-Angaben 90 Prozent des Weizens aus der Ukraine und Russland, Jemen 40 Prozent. Doch mit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich neben zahlreichen anderen Rohstoffe auch Weizen auf dem Weltmarkt stark verteuert.

Nach Unicef-Schätzungen sind weltweit derzeit etwa 45 Millionen Kinder unter fünf Jahren akut mangelernährt. 13,6 Millionen seien so schwer betroffen, dass ihr Leben am seidenen Faden hänge. Ursache ist ein Mangel an nährstoffreichen Nahrungsmitteln und Vitaminen, Eiweiß und lebenswichtigen Spurenelementen.

Die meisten dieser Kinder leben dem Unicef-Bericht zufolge in Indien, Indonesien, Pakistan und Nigeria. Man könnte ihnen mit einer einfachen Zusatznahrung helfen, nämlich mit einer Paste aus Erdnüssen, Öl, Zucker und Milchpulver, die auch ungekühlt lange haltbar ist. Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, ist nach eigenen Angaben weltweit der Hauptlieferant solcher Erdnusspaste.

Weitere 600.000 Kinder könnten betroffen sein

Die Kosten für diese Zusatznahrung werden nach Unicef-Schätzungen jedoch in den nächsten sechs Monaten um bis zu 16 Prozent steigen, da die Preise wichtiger Zutaten in die Höhe schießen. Hierdurch könnte weiteren 600.000 Kindern pro Jahr der Zugang zu der lebensrettenden Behandlung verwehrt bleiben. Schon jetzt erhalten demnach mindestens zehn Millionen Kinder weltweit nicht die Zusatznahrung, die sie zum Überleben dringend benötigen.

«Eine 16-prozentige Preiserhöhung mag im Kontext der globalen Lebensmittelmärkte überschaubar klingen», sagte die Unicef-Exekutivdirektorin Catherine Russell. «Doch am Ende der Lieferkette steht die Verzweiflung eines mangelernährten Kindes.» Schwere, akute Mangelernährung verwandele gewöhnliche Kinderkrankheiten in eine tödliche Gefahr. Die ausgezehrten Körper der Kinder seien so geschwächt, dass sie Viren, Bakterien oder Pilzen nichts entgegensetzen könnten. Ihr Tod vollziehe sich meist unbemerkt, weil er eben nicht Teil einer großen Hungersnot oder eines Aufsehen erregenden Konflikts sei, sondern in vielen Ländern zur traurigen Normalität gehöre. «Eine stille Tragödie», schreibt Unicef.

In dieser Situation gefährdeten auch noch Mittelkürzungen von Regierungen die lebenswichtige Hilfe. «Die internationale Gemeinschaft muss jetzt alles tun, damit kein Teufelskreis in Gang kommt», fordert Unicef-Sprecher Tarneden. «Dazu müssen die Regierungen zusammenarbeiten, um den Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischer Hilfe für die Ärmsten weiter sicherzustellen. Spezialnahrung wie Erdnusspaste zur Behandlung schwer mangelernährter Kinder muss rechtzeitig zur Verfügung stehen.»

© dpa

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