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«Geträumt, nach Hause zu kommen»: Geiseln in Sicherheit

Israel atmet auf. Nach 50 Tagen in Hamas-Gefangenschaft können Angehörige von mehreren Geiseln ihre Liebsten wieder in den Armen halten. Das Schicksal Dutzender weiterer bleibt jedoch ungewiss.
Petach Tikwa
Ein Hubschrauber mit von der Hamas freigelassenen Geiseln landet auf dem Schneider Children's Medical Center in Petach Tikwa. © Ohad Zwigenberg/AP/dpa

Sieben Wochen lang war die vierjährige Deutsche in den Händen von Terroristen der Hamas. Nun sitzt Raz eng umschlungen mit ihrem Vater, ihrer Mutter und zweijährigen Schwester auf einem Krankenhausbett in Israel. «Ich habe geträumt, dass ich nach Hause komme», sagt sie zu ihrem Vater Joni. Er erwidert: «Jetzt ist dein Traum wahrgeworden.» Mitarbeiter der Klinik dokumentierten das emotionale Wiedersehen.

Zusammen mit ihrer Mutter Doron und Schwester Aviv war Raz bei dem Massaker der Islamisten am 7. Oktober in den Gazastreifen verschleppt worden. Am Wochenende konnte ihr Vater sie endlich wieder in den Armen halten. Als die drei bei einem Besuch der Oma im Grenzgebiet entführt wurden, war er mehr als hundert Kilometer entfernt. Durch ein Video, das später im Gazastreifen verbreitet wurde, erfuhr er von der Geiselnahme. Nun hat das Bangen um das Leben seiner Liebsten erstmal ein Ende.

200 Menschen weiterhin festgehalten

Raz, Doron und Aviv gehören zu den Dutzenden Geiseln, die am Wochenende als Teil eines Abkommens zwischen Israel und der Hamas freigelassen wurden. Etwa 200 weitere Verschleppte werden im Gazastreifen weiter festgehalten.

«Ich bin glücklich, dass ich meine Familie zurückhabe», sagt der Vater in einer Videobotschaft. «Aber ich feiere nicht, ich werde nicht feiern, bis die letzte der Geiseln nach Hause zurückgekehrt ist.» Ob die restlichen Geiseln noch am Leben sind oder unter welchen Bedingungen sie vor Ort sind, ist unklar. «Es gibt noch Menschen mit gebrochenem Herzen», sagt Joni mit Blick auf die vielen Familien, die noch immer auf ein Lebenszeichen ihrer Angehörigen hoffen.

In den kommenden Tagen könnten weitere Geiseln im Gegenzug für die Freilassung palästinensischer Häftlinge freikommen. Eine von Katar vermittelte Vereinbarung sieht eine mögliche Verlängerung der aktuell viertägigen Waffenruhe auf bis zu 10 Tage vor. Im Gegenzug erwartet Israel die Freilassung von bis zu 80 Entführten. Ob eine Verlängerung zustande kommt, ist ungewiss.

Wackliges Abkommen

Wie wacklig das Abkommen ist, zeigte sich am Wochenende. Überraschend stoppte die Hamas am Samstag in letzter Minute die Übergabe von rund 20 Geiseln. Israel erfülle nicht ausreichend seinen Teil des Abkommens, hieß es. Das Land wies dies zurück. Nach Vermittlungen Katars kamen die Geiseln schlussendlich Stunden später frei. Für Angehörige waren es schreckliche Stunden der Ungewissheit. Israels Militärsprecher sprach von psychologischer Kriegsführung der Hamas. «Nichts ist geschehen, sobald es nicht geschehen ist», sagt er zu den Freilassungen und warnte davor, der Hamas zu trauen.

Unklar ist auch, was die Geiselnahme auf lange Sicht mit den Menschen gemacht hat. Über mehrere Tage sollen die Rückkehrer erstmal zur Behandlung im Krankenhaus bleiben. Dort haben sich spezielle Teams auch auf den Umgang mit Kindern vorbereitet. Ärzten zufolge geht es den Geiseln bisher körperlich gut. Aber auch Joni weiß, dass dies täuschen kann. «Es liegen noch schwierige Tage vor mir», sagt Joni. Er sei entschlossen, seiner Familie zu helfen, «sich von dem schrecklichen Trauma und dem Verlust, den wir erlitten haben, zu erholen - für die Zukunft meiner Töchter und meiner Frau».

Angehörige Freigelassener berichten

Jonis Frau verlor bei dem Massaker der Hamas am 7. Oktober ihre Mutter, seine beiden Töchter ihre Oma. Sie gehört zu den rund 1200 Menschen, die an dem Tag von Terroristen ermordet wurde. Ihr Partner wird noch immer im Gazastreifen vermutet. Ob die Kinder und Jonis Frau vor ihrer Freilassung von dem Tod wussten, ist unklar - auch wie viele Informationen sie im Gazastreifen über das Massaker erhalten haben. Öffentlich wollten sie zunächst nicht auftreten.

Nach Angaben eines israelischen Fernsehsenders berichteten Angehörige anderer Freigelassener über die Situation vor Ort. «Es gab Tage, an denen es keine Vorräte gab, also aßen sie nur Fladenbrot. Sie wurden nicht gefoltert, aber es gab Tage, an denen sie kaum etwas zu essen hatten, in den letzten Tagen aßen sie nur noch sehr wenig Reis», sagt eine Verwandte des neunjährigen Ohads dem Sender «Channel 12». Ohad war mit seiner Mutter und seiner Großmutter am Freitag freigekommen. Der Großvater des Jungen verblieb in den Händen der Terroristen.

Auf einem Video sieht man, wie Ohad im Krankenhaus auf seinen Vater zurennt. Dieser hält ihn ganz fest und küsst ihn auf den Hals. In weiteren Aufnahmen sitzt der Junge umringt von Freunden und isst ein Eis. Schon vor seiner Freilassung kannten vielen Israelis Ohads Geschichte. Während er im Gazastreifen festgehalten wurde, war in Tel Aviv sein neunter Geburtstag gefeiert worden. Dazu stellten Angehörige ein Bild mit 1500 Zauberwürfeln auf. Nun kann Ohad seinem Hobby wieder zuhause nachgehen. Seinen ersten Zauberwürfel nach seiner Freilassung löste er bereits im Krankenhaus im Beisein seiner Familie.

© dpa ⁄ Christina Storz, dpa
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