«Energieterror»: Russland bombt Ukrainier in die Dunkelheit

Acht Monate nach Kriegsbeginn greift Russland gezielt Kraftwerke in der Ukraine an. Die Zerstörung ist groß, es kommt zu Stromausfällen. Besonders bedrohlich ist die Lage angesichts des nahenden Winters.
Eine ältere Frau trägt eine Kiste, während in dem Dorf Mychajlo-Lukaschewe humanitäre Hilfsgüter verteilt werden. © Leo Correa/AP/dpa

Seit anderthalb Wochen attackiert Russland die Ukraine täglich mit Raketen und Drohnen. Mehrfach schlugen Geschosse auch in der Hauptstadt Kiew ein, landesweit starben Dutzende Zivilisten. Besonders ins Visier nimmt Moskau bei dieser neuen Angriffswelle die kritische Infrastruktur des Nachbarlandes. Einige Fragen und Antworten zur Lage in der Ukraine:

Wie groß sind die Schäden in der Ukraine?

Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, dass bereits rund 40 Prozent der ukrainischen Energieanlagen beschädigt worden seien. Immer wieder sind Teile des Landes ohne Strom, mitunter auch ohne Wasser und ohne Gas zum Heizen. Angesichts des bevorstehenden Winters ist das für die Menschen in dem vom Krieg gezeichneten Land besonders besorgniserregend.

Der Export von ukrainischem Strom nach Europa - unter anderem nach Polen - ist wegen der russischen Angriffe und dem daraus folgenden Mangel im eigenen Land vor Tagen eingestellt worden. «Russland verübt Energieterror gegen die Ukraine», heißt es vom zuständigen Ministerium in Kiew.

Was sind die konkreten Auswirkungen für die Menschen in der Ukraine?

Um größeren Engpässen vorzubeugen, sind die Ukrainer seit Tagen zum Energiesparen aufgerufen. Möglichst gar nicht mehr eingeschaltet werden sollen etwa Stromfresser wie Backöfen und Mikrowellen. Zudem wurde am Donnerstag mit landesweiten Stromabschaltungen in Privathaushalten begonnen. Zwischen 7.00 und 22.00 Uhr Ortszeit sollte zeitlich gestaffelt in jedem Gebiet der Strom bis zu vier Stunden lang abgeschaltet werden, hatte der Versorger Ukrenerho schon zuvor mitgeteilt.

«Das ist ein erzwungener Schritt. Aber wir arbeiten alle gemeinsam an dieser Front», erklärte der Vizechef des Präsidialamtes, Kyrylo Tymoschenko. Die Ukrainer waren aufgerufen, ihre Mobiltelefone und Powerbanks rechtzeitig aufzuladen sowie Taschenlampen, Batterien und Wasser bereitzuhalten. «Wir schließen nicht aus, dass wir mit dem Einsetzen der Kälte öfter um Ihre Hilfe bitten werden», hieß es von Ukrenerho. In Kiew wurde angesichts der stark abgekühlten Temperaturen nun die Heizsaison eröffnet - auch damit die Bürger den kostbaren Strom nicht für private Heizgeräte verbrauchen.

Stark betroffen von der Sparmaßnahme war auch der öffentliche Nahverkehr. Im Gebiet Poltawa sollte nur die Hälfte der Elektrobusse fahren, in Ternopil überhaupt keiner. In Kiew wurden lediglich 21 der insgesamt 38 E-Bus-Linien regulär befahren, teils gab es Ersatz durch mit Benzin betriebene Fahrzeuge. Restaurants und Bars waren darüber hinaus aufgerufen, Leuchtreklamen und elektronische Dekoration abzuschalten.

Was ist der Hintergrund der russischen Angriffe?

Kremlchef Wladimir Putin ordnete die erneuten massiven Angriffe an, nachdem es am 8. Oktober eine Explosion an der Krim-Brücke gegeben hatte. Das Bauwerk verbindet Russland und die 2014 annektierte Halbinsel im Schwarzen Meer - und ist für Moskau sowohl strategisch als auch symbolisch wichtig. Putin macht für die folgenschwere Detonation den ukrainischen Geheimdienst SBU verantwortlich und sprach von einem «Terroranschlag» gegen russisches Staatsgebiet. Der SBU hat eine Beteiligung allerdings nie bestätigt.

Die jetzigen russischen Angriffe sind laut Kreml-Darstellung Vergeltungsschläge für den Vorfall auf der Krim-Brücke und für andere Attacken auf Objekte kritischer russischer Infrastruktur, die Moskau Kiew vorwirft. Viele internationale Militärbeobachter gehen allerdings davon aus, dass die derzeitige heftige Angriffswelle Russlands gegen die Ukraine langfristiger geplant gewesen sein muss.

Wird die EU der Ukraine helfen?

International hat der gezielte Beschuss von Energieanlagen eines ohnehin schon kriegsgebeutelten Landes für Entsetzen gesorgt. Die Europäische Union hat der Ukraine Unterstützung zugesagt. Nach Angaben von Energiekommissarin Kadri Simson liefert die EU zusammen mit dem Energiesektor finanzielle Mittel und Ausrüstung, um die ukrainische Infrastruktur zu reparieren - etwa für beschädigte Netze oder Wärmekraftwerke.

Im März wurde zudem das ukrainische Elektrizitätsnetz - ebenso wie das der benachbarten Republik Moldau - mit dem der EU verbunden. Dadurch können EU-Staaten der Ukraine kurzfristig Strom liefern. Kiew soll auch an den gemeinsamen Gaseinkäufen der EU teilnehmen dürfen. Das System dafür soll von kommendem Frühling an funktionsfähig sein und durch die geballte Marktmacht der Union niedrigere Preise ermöglichen.

© dpa
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