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Bombardments im Süden Gazas: Wo sollen die Menschen hin?

Israel setzt sein schweres Bombardement im Gazastreifen fort. Im südlichen Teil, wohin die meisten Zivilisten geflohen sind, herrschen Angst und Aussichtslosigkeit. Hilfsorganisationen sind entsetzt.
Nahostkonflikt - Rafah
Chan Junis
Nahostkonflikt
Nahostkonflikt- Chan Junis

Israels massive Bombardements im Süden des Gazastreifens, wo ein Großteil der palästinensischen Zivilbevölkerung auf engstem Raum Zuflucht sucht, hat unter Hilfsorganisationen für Entsetzen und Empörung gesorgt. «Hunderte und Hunderte von Explosionen. An einem Ort, der so dicht mit Zivilisten bevölkert ist, muss alles etwas treffen... jemanden», schrieb der Sprecher des UN-Kinderhilfswerks Unicef, James Elder auf X (vormals Twitter). Hiba Tibi, Direktorin der Hilfsorganisation Care, sagte CNN zur Lage der Zivilisten: «Sie wissen nicht, wohin sie gehen sollen». Es gebe keine ausreichenden Orte, um die Menschen aufzunehmen.

Nach Angaben der von der islamistischen Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde in Gaza stieg die Zahl der seit Kriegsbeginn durch Israels Bombardements getöteten Palästinenser auf inzwischen mehr als 15.000. Die Mehrheit der Opfer sind demnach Frauen, Kinder und Jugendliche. Die Angaben der Behörde können derzeit nicht unabhängig überprüft werden.

Israel: Verhandlungen über Gaza-Feuerpause in einer Sackgasse

Die Verhandlungen über eine erneute Feuerpause im Gaza-Krieg in Katar stecken nach Angaben Israels in einer Sackgasse. Der Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, David Barnea, habe deshalb sein Verhandlungsteam dazu aufgefordert, nach Israel zurückzukehren, teilte das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit. Israels Regierungschef habe die Anweisung erteilt. «Die Terrororganisation Hamas hat sich nicht an ihren Teil der Vereinbarung gehalten», hieß es in der Erklärung weiter. Konkret geht es demnach um Freilassung aller in den Gazastreifen entführten Kinder und Frauen.

Hilfslieferungen erreichen Gazastreifen - 100 Lastwagen



Zuvor hatten Hilfsorganisationen mitgeteilt, dass Israel seit dem Ende der Feuerpause am Freitagmorgen keine Einfuhr von Hilfslieferungen aus Ägypten in den Gazastreifen erlaubt habe. Hilfsorganisationen seien darüber informiert worden. Die zuständige israelische Cogat-Behörde war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Verstärktes Bombardement in Gaza

Israels Militär verstärkte sein Bombardement von Zielen in Gaza am zweiten Tag nach Auslaufen der einwöchigen Feuerpause. «Meine Kinder hatten sich in der Woche, als die Bombardierungen und Kämpfe aufhörten, wieder etwas erholt», sagte die 38-jährige Samira Zaid. Nun kehre der Zustand «der Angst, der Unruhe und der Zerstörung» zurück. Während der Waffenruhe sei es kaum möglich gewesen, an Kochgas zu kommen, schildert Machmud Badawi. «Es ist unglaublich, dass wir im 21. Jahrhundert unsere Mahlzeiten über Holzfeuern zubereiten müssen». Nun sei nicht einmal mehr Brennholz erhältlich.

«Wir wachten durch die Explosionen auf und wussten, der Alptraum ist zurückgekehrt, von dem wir hofften, dass er vorbei ist», sagte Marsuk, der aus dem Norden floh und in einem Flüchtlingslager im Süden lebt. «Die Kinder, Frauen und Männer in Gaza sind verängstigt. Sie können sich nirgendwo in Sicherheit bringen und haben nur sehr wenig zum Überleben. Sie leben inmitten von Krankheit, Zerstörung und Tod. Das ist inakzeptabel», so der Chef des UN-Nothilfefonds, Martin Griffiths. «Was können wir tun, wenn wir nichts in der Hand haben? Wir können die Hamas nicht aufhalten, und wir können auch Israel nicht aufhalten. Was hier geschieht, ist Wahnsinn», sagte Marsuk.

Kritik an neuer Evakuierungskarte

Die israelische Armee begann am Samstag, eine neue Evakuierungskarte zu benutzen, die den Gazastreifen in Hunderte von kleinen Zonen unterteilt, um die palästinensische Zivilbevölkerung über aktive Kampfzonen zu informieren. Die Menschen aus mehreren Blöcken wurden zur Flucht in andere Bezirke im nördlichen Gazastreifen aufgerufen. Auch im Süden wurden die Palästinenser in mehreren Gebieten nahe der israelischen Grenze aufgefordert, Schutzräume in Rafah aufzusuchen.

Die Karte mache es für die Menschen «sehr schwierig und beängstigend zu wissen, dass sie zum sechsten oder siebten Mal evakuiert werden müssen», beklagte Care-Direktorin Tibi am Samstag. Die auf der Karte ausgewiesenen sicheren Orte würden sich auf die von den Vereinten Nationen ausgewiesenen Zentren beziehen. Doch die seien bereits «extrem überfüllt». Die Menschen müssten draußen schlafen, so Tibi.

Ohne Strom und Internet keine Karte

Eine Reporterin des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira berichtete aus dem Gazastreifen, Menschen hätten vielfach weder Strom noch Internet, um sich die israelische Karte anzusehen. Die Karte mache Menschen konfus, sie wüssten nicht, wie sie mit ihr umgehen sollten. Außerdem vertrauten Menschen nicht den israelischen Streitkräften. Sie hätten das Gefühl, dass kein Ort im Gazastreifen sicher ist.

Der Gaza-Bewohner Muneer Haduka sieht neben Israel auch die islamistische Hamas, die 2007 in dem Küstenstreifen gewaltsam die Kontrolle an sich gerissen hatte, in der Verantwortung. «Beide Parteien haben uns zu Vertriebenen und Bettlern in unserem eigenen Land gemacht, ohne Unterkunft und Nahrung», sagt der 33-Jährige Palästinenser. Das Ende der Feuerpause bedeute die Fortsetzung «dieser inakzeptablen Situation». Die Hamas habe «einen schweren Fehler gegen uns begangen», so Haduka. Israel bekämpfe jedoch nicht die Hamas, sondern bestrafe die Menschen im Gazastreifen kollektiv.

Auslöser des jüngsten Gaza-Kriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, das Terroristen aus dem Gazastreifen am 7. Oktober in Israel nahe der Grenze begangen hatten. Dabei wurden mehr als 1200 Menschen getötet. Etwa 240 Geiseln wurden nach Gaza verschleppt. Israel reagierte mit massiven Luftangriffen, einer Blockade des Gazastreifens und begann Ende Oktober eine Bodenoffensive.

© dpa ⁄ Lars Nicolaysen und Christina Storz, dpa
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